28•07•2017 ••

Große Ferien-Große Freiheit

Liebe Uli, ich schreibe dir heute als Mutter, deren Kinder das Schulthema schon fast erledigt haben. Wie Du ja weißt, sind auch meine Kinder keine Streber, die ausser Schule nichts anderes im Kopf hatten bzw. haben. Aber trotzdem haben sie ihren Schulweg bestanden bzw. fast bestanden. Auch wir hatten Ärger wegen der Schule, und gerade deswegen will ich dir heute zum Zeugnistag ein paar gute Ratschläge einer geprüften Schulmutter auf den Weg geben.

Neulich im Cafe meintest Du, dein Sohn solle in den Ferien lernen. Klar, du bist mit deiner Meinung nicht alleine. 59 % aller Kinder lernen in den großen Ferien. Und die Zahl ist steigend (Quelle: Eine bundesweite forsa-Umfrage im Auftrag von scoya im Mai 2016). Ich frage mich nur, warum? Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir in den Ferien nicht gelernt. Und trotzdem haben wir alle unseren Weg gemacht.

Ich schreibe dir jetzt, warum ich finde, dass die großen Ferien die große Freiheit bedeuten sollten.

Der erste Grund bist du selbst: Ich weiß, wie sehr einem das auf die Nerven gehen kann, wenn das Schuljahr immer auf Anschlag beendet wird. Aber genau deswegen solltest du dir jetzt eine Pause gönnen. Eine Pause vom Erinnern an Übungsaufgaben, eine Pause vom Checken, ob die Übungsaufgaben gemacht wurden - und eine Pause vom Aufregen, dass die Übungsaufgaben wieder nicht gemacht worden sind.

Der zweite Grund ist die Beziehung zu deinem Sohn: Endlich habt ihr Zeit, euch über andere Dinge als die Schule zu unterhalten. Und ihr habt die Freiheit, euch auch über andere Dinge zu streiten als Schule. Ich bin mir sicher,  du wirst völlig neue Facetten an deinem Sohn entdecken, denn sechs Wochen sind eine lange Zeit. Endlich ist Zeit für gemeinsame Unternehmungen, ohne darüber nachzudenken, dass ja heute noch ganz dringend Englisch-Vokabeln abgefragt werden müssen.


Und der dritte Grund ist die große Freiheit:


Die Freiheit, sich in den Ferien neu zu erfinden: Bestimmt erinnerst du dich: Gerade in der Pubertät waren für mich die Ferien dazu da, gedanklich ein neues Ich zu erfinden. Öfter war das ein neuer Style, mit dem ich nach den Sommerferien signalisieren wollte, dass ich jetzt eine andere geworden bin. In irgendwelchen großen Ferien (ich erinnere mich düster) habe ich T-Shirts gebatikt, weil ich dachte, ich komme ganz groß damit raus. 

Die Freiheit, einfach mal gar nichts zu machen: Wie sehr sehnen wir uns danach - und wie sehr wissen wir, wie gut es uns tut, einfach mal gar kein Programm zu haben. Und nur, weil es bei uns vermeintlich nicht mehr geht, denken wir, unsere Kinder brauchen diese große Freiheit nicht? Aber gerade in der Pubertät, wo sich ja sämtliche Synapsen im Hirn neu vernetzen und eigentlich alles durcheinander ist, sollten wir unseren Kinder die Ruhe der großen Freiheit gönnen. Und vielleicht ist es ja so, dass dann das Gehirn nach den großen Ferien viel aufnahmebereiter ist?

Die Freiheit, sich vom Leistungsdruck der Gesellschaft zu verabschieden: Ein Grund, warum viele Eltern sagen, dass sie mit ihren Kindern in den Ferien lernen, ist, dass die Kinder sonst alles vergessen. Okay, mag sein. Aber wenn alle Kinder alles vergessen haben, müssen sich die Lehrer darauf einstellen. So war das zumindest bei uns: Die ersten vier Wochen gingen einfach rum, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Dadurch, dass wir unseren Kindern nicht die Pause lassen, kann das Tempo anziehen. Und umso mehr wir mit unseren Kindern üben, umso schneller wird auch der Alltag in der Schule werden. Eine Leistungsspirale nach oben.

Die Freiheit, einfach mal man selbst sein zu können: Wie wir müssen Kinder sich in ein System integrieren. Aber auch wir wünschen uns ja hin und wieder, alles hinzuwerfen. Und unsere Kinder können das. Mit der Gewähr, dass sie nach sechs Wochen wieder kommen dürfen. Eigentlich ein Traum. Und den sollten wir ihnen nicht kaputt machen.

Die Freiheit, daran zu glauben, dass alles gut wird: Ich spreche da wirklich aus eigener Erfahrung. Letzten Endes gehen die Kinder ihren Weg. Meine ältere Tochter hat die Schule wirklich auf Anschlag gemacht, aber als sie sich vorgenommen hatte, nach einem Jahr Auslandsaufenthalt die 10. Klasse zu überspringen, hat sie das tatsächlich geschafft. Denn wenn wir uns etwas von Kindern abschauen können, ist es das: Wenn Kinder etwas wollen, dann schaffen sie es auch.

Also Uli, deswegen lass deinem Sohn die Freiheit! Ich wünsche euch die schönsten großen Ferien mit viel Zeit für Arschbomben und Eis essen. Klar, und deinem Sohn auch viel Zeit am Computer. Aber das ist dann wieder ein anderes Thema :(


Ich wünsche euch die schönsten großen Ferien mit viel Zeit für Arschbomben und Eis essen.


 

Kommentare

Mori
29•07•2017
Danke liebe Sabine, ich glaube du hast meine Ferien gerettet:)
FTF, Sabine Fuchs
30•07•2017
Das freut mich!
Lillewind
16•10•2017
Liebe Sabine Besser konntest Du das nicht schreiben. Zwar ist mir vieles auch erst bewusst geworden, NACHDEM mein großer Sohn nun die Schule verlassen hat...aber immerhin... Es ist tatsächlich so, dass man diejenigen, die mit der Ferienlernerei den größten Stress haben, die Eltern selbst sind. Und wieder muss mag antreiben, und womöglich noch Aufgaben stellen und kontrollieren - der Familienfrieden leidet auch nur darunter. Gebt der doofen Schule mal eube Auszeit! ;-)) Liebste Grüße Iris (Lillewind)
FTF, Uli Heppel
17•10•2017
Liebe Iris, jetzt antworte ich dir auf deinen netten Kommentar, weil Sabine gerade nicht da ist. Und an mich war ja der Brief schließlich auch gerichtet. Ich habe Sabines herzlichen Rat tatsächlich befolgt und hatte damit so viel entspanntere Ferien als zuvor. Und ganz ehrlich, das hätte ich wirklich schon seit Jahren so machen sollen. Denn du hast Recht, am meisten stresst das Ferien-Lernen die Mütter und die Beziehung zu den Kindern. Sogar der Klassenlehrer meines Sohnes hat mir vor den Ferien noch gesagt: "Jetzt lassen Sie ihn mal Ferien machen!" Und... hab ich gemacht. Super war's! ♡

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