18•05•2017 ••

Neulich im Zug

Nirgendwo kann man besser Menschen studieren als im Zug. Nirgendwo hat man eher Zeit, sich Gedanken über den Wandel der Zeit zu machen, als im Zug.

Nein, ich sage nicht, dass ich gerne Zug fahre, denn dafür hat mich die Deutsche Bahn schon viel zu oft enttäuscht mit Verspätungen, schlechter Handyverbindung und unzureichendem WLan. Aber in diesem Artikel geht es jetzt ausnahmsweise mal nicht um das Benehmen der Deutschen Bahn, sondern dieses Mal geht es um das Benehmen der Deutschen. Klingt spießig – ist es auch. Aber gaanz ehrlich, es ist mir egal.

Schon länger fällt mir auf, dass mir kein Mann mehr hilft, wenn ich meinen Koffer in die Ablage wuchten muss. Ganz ehrlich, ich habe gedacht, das ist dem geschuldet, dass ich so langsam dem gebärfähigen Alter entwachsen bin. Nein, weit gefehlt.

Neulich im Zug: Ein junges, süßes Mädchen betritt das Abteil mit einem Koffer, der gefühlt so groß ist wie sie. Zwei Männer im Anzug, zwar schon angegraut, aber doch körperlich durchaus noch in Form, sitzen mit mir im Abteil. Das Mädchen steht gefühlt ca. 2 Minuten ratlos vor ihrem Koffer und beide Männer heben ihren Kopf von ihrem Laptop. Das Mädchen erhebt ihre Stimme (Entschuldigung, könnte mir jemand helfen ...) und erst daraufhin erheben sich die beiden Herren.


Sag mal geht’s noch?


Oder der mir gegenübersitzende, wirklich extrem laut atmende Typ im Mittelalter (nein, ich will mich jetzt nicht darüber beschweren, dass er atmet), der alle 30 Minuten seine Knöchel knacken lässt. Auf einen angewiderten Blick meinerseits habe ich das Gefühl, dass er überlegt, zu sagen: Haste ein Problem?

Schön auch das Mädchen, das nicht nur ihren Schminkspiegel auspackt (ist ja okay, kennt man schon aus den Audrey-Hepburn-Filmen), sondern sich auch mit einer Seelenruhe ihre ca. 40 cm langen Haare bürstet. Als sie das Abteil verlässt , hängt an meiner Hose ein langes blondes Haar. Igitt.

Das Beste aber, was mir nicht neulich im Zug, aber trotzdem im Zug passiert ist, waren die lauten Telefongespräche eines ca. 20-jährigen Nerds, der sieben Arbeitskollegen angerufen hat und in einer Lautstärke sieben Mal in unterschiedlichen Varianten dem ganzen Großraumabteil erklärt hat, warum seine Chefin Doris eine wirklich blöde Kuh ist. Okay, am Schluss hat der ganze Großraum geschmunzelt, aber vielleicht hätte ich mir die Fahrt von Nürnberg nach München gerne anders vertrieben, als mitzukriegen, wie dumm Doris ist.


Deswegen meine Frage. Warum begreifen einfach immer weniger Menschen, dass gewisse Benimmregeln einfach das Leben freundlicher, ästhetischer  und angenehmer machen? Und wie kann man gutes Benehmen wieder unter die Leute bringen?


Ich glaube, ich reiße jetzt hier erst einmal die Abteiltüre auf. Ich brauche nämlich frische Luft. Natürlich ohne zu fragen ....

Ps: Gerade hat das schwer atmende Walross das Abteil verlassen und ist mir dabei auf den Fuß getreten. Und, hat er sich entschuldigt? Derjenige, der als erstes den richtigen Kommentar schreibt, gewinnt einen Knigge!

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