20•09•2021 ••

Die Buchstaplerin #13

Literarische Mitbringsel aus dem Urlaub

Ist der Sommer tatsächlich schon wieder vorbei?? Auch der lang ersehnte Urlaub gehört schon wieder der Vergangenheit an und ist Teil unserer Erinnerungen geworden. Nach den vielen Regenwochen in diesem Jahr habe ich meine Zeit in Italien sehr genossen: Morgens mit einem starken Espresso draußen frühstücken und den Tag ungeplant auf sich zukommen lassen. Sonne auf der Haut und den Sand zwischen den Zehen spüren, dem Rauschen des Meeres zuhören. Auf den Straßen fremde Sprachen hören und das Treiben der Menschen beobachten. Antipasti, Primo Piatti, Secondo Piatti, Dolce mit einem schönen Glas Wein genießen. 


Und natürlich viel Lesezeit ohne Blick auf die Uhr, um in Bücherwelten völlig abzutauchen …


 

 

In meiner letzten Buchkolumne hatte ich versprochen, euch von meinen sommerlichen Leseabenteuern zu berichten - das mache ich sehr gerne bei all den Schätzen, die meine Ferien bereichert haben:

 

Ayelet Gundar-Goshen: „Wo der Wolf lauert“ (Kein & Aber Verlag)

„Mutter oder Vater sein heißt, in ständiger Anspannung leben. Die größte Unbekannte im Leben der Menschen sind ihre Kinder.“ Eltern sein, Mutter sein - eine Aufgabe, die uns ab der Geburt unserer Kinder ein Leben lang wachsen lässt, bereichert, überrascht, herausfordert, und die es auch immer wieder neu zu definieren gilt. Was wissen wir über unsere Kinder? Und was wollen wir wirklich alles über sie wissen? Welche Geheimnisse stehen wir ihnen zu? Was ist wichtiger: Wurzeln oder Flügel? Und wann sind wir bereit, unsere Kinder voller Vertrauen loszulassen?

Fragen über Fragen, die Eltern ständig begleiten und genau darum geht es auch in dem Roman der israelischen Autorin Ayelet Gundar-Goshen:
Lilach und Michael Schuster sind aus Israel in die USA ausgewandert und leben mit ihrem Sohn Adam im kalifornischen Silicon Valley. Sie haben die ständige politische Bedrohung in ihrer Heimat hinter sich gelassen, um hier den amerikanischen Traum zu leben. Als ein Klassenkamerad von Adam bei einer Party überraschend tot aufgefunden wird, zeigt die nach außen perfekte Familien-Fassade erste Risse.

Wie gut kennt Lilach ihren Sohn wirklich? Und welchen Einfluss hat Adams Selbstverteidigungstrainer Uri auf den Jungen? Lilachs „perfektes“ Leben gerät zunehmend außer Kontrolle, wobei sie ihre Familie um jeden Preis schützen möchte und sich dabei von der „braven“ Hausfrau und Mutter zu einer Kämpferin entwickelt, die nichts unversucht lässt …

Hochaktuell vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund Israels, psychologisch ausgefeilt und eindringlich erzählt aus der Sicht der Mutter, deren Sorgen man von Anfang an versteht und mit der man bis an die Grenzen geht, weil es dazu keine Alternative gibt!

Ein grandioser Roman - nicht nur für Eltern -, der sich mit den Abgründen der menschlichen Natur auseinandersetzt und dabei Fragen aufwirft, die noch lange nachhallen!!

 

Donna Leon: „Flüchtiges Begehren“ (Diogenes Verlag)

Wie ich euch in meiner letzten Kolumne erzählt habe, nehme ich auch immer einen Roman mit auf die Reise, der an meinem Urlaubsort spielt. Nachdem wir uns für dieses Jahr einen Tagesausflug nach Venedig vorgenommen hatten, war für mich recht schnell klar, dass der neueste Fall von Commissario Brunetti mit dabei sein muss! Ich erinnere mich noch genau daran, als ich 1992 in „Venezianisches Finale“ zum ersten Mal mit Guido Brunetti durch Venedig schlendern durfte - dieses Jahr ist nun der 30. Fall der Erfolgsserie von Donna Leon im Diogenes Verlag erschienen:

Auf dem Campo Santa Margherita lassen sich zwei ahnungslose Touristinnen von zwei jungen Männern zu einer Spritztour in die Lagune einladen - Stunden später werden sie verletzt und bewusstlos auf dem Steg des Ospedales von Venedig aufgefunden. Was ist in der Nacht passiert? Und wer waren die beiden Männer? Einheimische? Was zunächst nach einem nächtlichen Flirt mit unglücklichem Ende ausschaut, wird zunehmend zu einem monströsen Fall vor dem Hintergrund menschlicher Tragödien, dabei bringt Brunetti Steine ins Rollen, die sich zu einer unaufhaltsamen Lawine entwickeln, und er beginnt seinen Beruf bei der Polizei in Frage zu stellen …


Donna Leon ist für mich entspannende Urlaubslektüre:


ein Kriminalfall mit Bezug zum aktuellen Weltgeschehen, ein lieb gewonnener Commissario mit dem Herz am rechten Fleck inklusive einer charmant-chaotischen Familie und ein atmosphärischer Führer durch Venedigs Kanäle, Gassen, Bars und Trattorien!!

 

Daniela Krien: „Der Brand“ (Diogenes Verlag)

Tief beeindruckt hat mich in diesem Sommer der sehr kluge und entlarvende Roman „Der Brand“ von Daniela Krien, der sich mit in die Jahre gekommenen Partnerschaften beschäftigt, unterschiedliche Ansprüche unter die Lupe nimmt und mit einem Augenzwickern die zwischenmenschlichen Probleme schonungslos aufdeckt.

Fast 30 Jahre sind Rahel und Peter verheiratet, die Kinder sind aus dem Haus und man hat sich im Alltag arrangiert. Beide schätzen und respektieren sich, aber die große Leidenschaft und Lust sind im Laufe der Jahre auf der Strecke geblieben. Als die beiden im Sommerurlaub für drei Wochen einer alten Freundin helfen, indem sie ihren Bauernhof in der Uckermark hüten und versorgen, setzen sie sich einer Situation aus, die die kleinen „Brandherde“ ihrer Beziehung entzünden: zu viel Nähe, zu viel Zweisamkeit, zu viel Ungesagtes und zu viele unterschiedliche Erwartungen liegen in der Luft …, „… und Rahel denkt, dass besonders in einer Ehe die Summe des Nichtgesagten die Summe des Gesagten bei weitem übertrifft.“

Daniela Krien hat einen grandiosen Blick für menschliche Zwischentöne, sie beschreibt nüchtern, aufmerksam und detailliert die Psychografie einer langjährigen Beziehung mit all ihren Höhen und Tiefen, mit Nähe und Distanz, den unterschiedlichen Entscheidungen und Lebensentwürfen.


Die Autorin stellt schonungslos die berechtigte Frage, welchen Weg man in der zweiten Lebenshälfte einschlagen möchte ...


und zeigt, wie zerbrechlich und verletzbar die Liebe sein kann, wenn man nicht bereit ist, sich mit Respekt, Toleranz und offener Kommunikation zu begegnen - ein stetiger Prozess, der niemals endet - egal wie alt man ist!


Vielen Dank! Der Diogenes Verlag stellt uns drei Exemplare zur Verfügung, die wir auf Instagram verlosen dürfen!!


Benjamin Myers: „Offene See“ (DuMont Verlag)

Auch nehme ich mir im Urlaub immer mindestens ein Buch vor, das schon länger ungelesen in meinem Regal ein trostloses Dasein fristet. Warum ich „Offene See“ jetzt erst gelesen habe, verstehe ich selbst am allerwenigsten – zum Glück gab es in diesem Fall zwei Menschen, die mich in dieses lebenskluge, poetische und zutiefst berührende Buch förmlich hineingeschubst haben - ich danke euch dafür!!!

Benjamin Myers erzählt die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft im Nachkriegsengland: 1946 macht sich der 16-jährige Bergarbeitersohn Robert nach seinem Schulabschluss mit einem Rucksack bepackt auf Wanderschaft, um England und seine herrliche Landschaft besser kennenzulernen. Er liebt die Natur, die Weite und die offene See.

An der Küste lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr Cottage einlädt. Die resolute, etwas exzentrische und unkonventionelle Dulcie Piper, die mit ihrem Schäferhund Butler allein lebt, beeindruckt Robert mit ihrer klaren Haltung zu gesellschaftlichen Regeln, Konventionen, Religion und mit ihrer großen Liebe zur Literatur. Robert hilft Dulcie mit seinem handwerklichen Geschick in Haus und Garten und Dulcie verwöhnt ihn mit kulinarischen und literarischen Genüssen …

„Offene See“ besticht durch intensive Naturbeschreibungen, ungewöhnliche und sehr beeindruckende Gespräche zweier Generationen, einen feinsinnigen Humor und feiert dabei das Leben in all seinen Facetten!!!


„Und im Grunde gibt es nur wenige Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt: Freiheit natürlich und alles, was sie bedeutet. Dichtung, vielleicht, und ein schönes Glas Wein. Ein gutes Essen. Die Natur. Liebe, wenn du Glück hast. Und das war`s auch schon.“


Ich kann nur allen ein beglückendes Bad in der „Offenen See“ ans Herz legen!!

Tina Schneider-Rading: „Zimmer mit Frühstück“ (Prestel Verlag)

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub: Ist es nicht wunderbar, sich über neue Reiseziele Gedanken zu machen, von fremden Orten zu träumen und sich die schönsten Domizile vorzustellen?! Kaum bin ich wieder zuhause, plane ich auch schon kleine Auszeiten für die nächsten Monate, und für Wochenendtrips bevorzuge ich schöne Bed & Breakfasts mit hübsch eingerichteten Zimmern und einem liebevoll zubereiteten Frühstück.

Die Reisejournalistin Tina Schneider-Rading hat 27 „Zimmer mit Frühstück“ im deutschsprachigen Raum zusammengetragen: klein, fein, individuell und jedes auf seine Weise besonders, sodass man sich sofort herzlichst willkommen fühlt. Die Betreiber*innen erzählen in den B&B-Portraits ihre persönlichen Geschichten, Erfolgsgeheimnisse, Philosophie, Besonderheiten und geben Tipps für Rezepte und schöne Ausflüge in der Umgebung. Die ansprechenden Fotos der charmanten Unterkünfte vermitteln das spezielle Flair der einzelnen Häuser, und wer beim Durchblättern Lust auf ein eigenes Bed & Breakfast verspürt, bekommt auch noch einige Gründungstipps an die Hand.


Der wunderschöne Bildband hat meine Reiselust wieder einmal angefacht, allein die Wahl bei all den zauberhaften Mini-Hotels fällt mir unglaublich schwer!!


 

Elke Heidenreich: „Hier geht`s lang - Mit Büchern von Frauen durchs Leben“ (Eisele Verlag)

Kaum sind die Sommerferien vorbei, steht auch schon der Bücherherbst mit all seinen spannenden und inspirierenden Neuerscheinungen vor der Türe. Um euch schon einen kleinen Vorgeschmack zu geben, habe ich eine besondere Perle herausgesucht, die dieser Tage erscheint:

Die von mir sehr geschätzte und beliebte Literaturvermittlerin Elke Heidenreich erzählt in „Hier geht`s lang“ von ihrer großen Liebe, der Literatur. Sie beschreibt auf ihre charmant lockere Art, was Bücher von Frauen (aber auch von Männern) mit ihr und ihrem Leben gemacht haben. 

Schon als Kind hat sich Elke Heidenreich am liebsten mit „Försters Pucki“, „Nesthäkchen“, der „Schatzinsel“ und „Nils Holgersson“ in eine Ecke verdrückt und sich in ferne Bücherwelten geträumt. Auf ihrer Lesereise durchs Leben begleiteten sie Kitschschinken wie „Angelique“ und „Vom Winde verweht“, aber auch Françoise Sagan, Virginia Woolf und Christa Wolf waren wichtige Wegbegleiterinnen. Launig erzählt sie von ihrer Liebe zu Gottfried Benns Gedichten und zu Carcon McCullers Romanen, von ihren persönlichen Begegnungen mit Ruth Klüger, Alice Schwarzer und Marcel Reich-Ranicki, und von ihren besten Jahren, in denen sie das Lesen zum Beruf machen durfte.

„Und wenn es mir so geht mit einem Buch, wenn es mir etwas Wichtiges vermittelt, dann möchte ich es weitergeben. Und das bedeutet, dass ich eher eine Literaturvermittlerin als eine Literaturkritikerin bin und auch sein will. (…) mich interessiert viel mehr, Menschen ans Lesen zu bringen, ihnen von Geschichten und Romanen zu erzählen, die ein Stück Welt greifbar machen.“

In jeder Zeile des Buches habe ich die Stimme von Elke Heidenreich im Ohr, die mit so unendlich viel Liebe und Leidenschaft über das Lesen schreibt und mir damit neue Impulse gibt, mich zum Nachdenken anregt und mein Bücherherz zutiefst berührt.

Mit zahlreichen Bildern von Werken und Autor*innen schenkt der Eisele Verlag seiner Leserschaft einmal mehr ein besonders liebevoll gestaltetes Buch, das sich auch wunderbar als Geschenk für alle Literaturbegeisterten eignet!!

 

Während der Lektüre von Elke Heidenreichs Hommage an die Literatur habe ich mir immer wieder Gedanken darüber gemacht, welche Bücher mich selbst geprägt haben:


Als Kind in besonderer Erinnerung habe ich die märchenhafte Geschichte von „Peterchens Mondfahrt“ und die aufregenden Abenteuer der freiheitsliebenden „Pippi Langstrumpf“,


dann als Heranwachsende waren die großen literarischen Aha-Erlebnisse „Homo Faber“ und  „Andorra“ von Max Frisch, „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marquez und „Schuld und Sühne“ von Fjodor Dostojewski. 

Im Laufe unseres Lebens verändern sich auch unsere Lesevorlieben, aber die ersten großen „Lese-Lieben“ vergessen wir nicht.

Erinnert ihr euch noch an die Bücher, die bei euch die Liebe zur Literatur geweckt haben? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir eure Lebens-Bücher in den Kommentaren verratet!!

Wir lesen uns!

Eure Buchstaplerin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare

Elke Fischer
23•09•2021
Hallo! Als Kind Hanni und Nanni, Heidi, Pipi Langstrumpf, als „junge Erwachsene“ Ernest Hemingway und Simone de Beauvoir. Offene See fand ich auch sehr schön. Ein leises Buch!
FTF, Sabine Fuchs
24•09•2021
Ooh ja, wir sind die Hanni und Nanni Generation . Lieben Gruß Sabine
Buchstaplerin
25•09•2021
Ich war neben „Hanni und Nanni“ großer Fan von „Tina und Tini“ -da habe ich jeden neuen Band ungeduldig erwartet!! Es freut mich, dass dir „Offene See“ auch so gut gefallen hat! Wir lesen uns!! Corinne
Schwaibold Iris
24•09•2021
Vielen Dank, liebe Corinne, für Deine spannenden Tipps und die tolle Auswahl, freue mich immer sehr auf Deinen Beitrag! Als Kind hatte ich tasächlich nicht wirklich viel zu lesen, vielleicht kann ich deshalb heute nicht genug davon bekommen... die Träume, die Welten, die Perspektiven und Phantasien, und die Wege anderer Menschen zu 'erlesen' ;-) Einfach Vielfalt! Als Jugendliche haben mich Milan Kunderas 'Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins', 'Der Meister und Margarita' von Bulgakow und ' Das Tagebuch der Jane Somers' von Doris Lessing sehr fasziniert. Liebe Grüße, Iris Schwaibold
FTF, Sabine Fuchs
26•09•2021
Liebe Iris, wir lieben die Tipps von Corinne auch sehr und sind so froh, dass sie uns gefunden hat und für uns schreibt :)). Auch ich habe als Jugendliche Milan Kundera geliebt, aber auch die ganzen Südamerikaner*innen. “Das Geisterhaus“ war damals für mich der Einstieg... Lieben Gruß und einen schönen Wahlsonntag wünscht Sabine
Annette H.
02•10•2021
Liebe Corinne, vielen Dank für deine Tipps! Schöne Anregungen von Dir! Hanni und Nanni habe ich als Kind, ebenso wie manche bereits genannten Titel, verschlungen ... und in den 1990ern ALLE Bücher von Benoîte Groult. Die habe ich dann fast 20 Jahre später alle nochmal gelesen. Bin gespannt auf das eine oder andere Buch aus deinen Vorschlägen! Lieben Dank, Annette
FTF, Sabine Fuchs
06•10•2021
Liebe Annette, ich habe gerade “Der Brand“ verschlungen und kann es dir nur wärmstens empfehlen!! Lieben Gruß Sabine

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