03•03•2022 ••

FTF Die Buchstaplerin #17 –Frauenleben–

Ich habe Corinnes Buchtipp „Mädchen, Frau etc.“ von Bernadine Evaristo zum letzten Weltfrauentag verschlungen und freue mich schon jetzt auf das neue Bernadine Evaristo-Buch, aber auch auf alle anderen Tipps zum Thema:

Frauenleben einst und heute


„Sei wild, ungehorsam und kühn in deiner Kreativität. Nimm Risiken auf dich, anstatt vorhersehbaren Wegen zu folgen. Wer auf Nummer sicher geht, bringt weder unsere Kultur noch unsere Zivilisation voran.“ (Bernadine Evaristo)


Vor einem Jahr, zum Weltfrauentag, hatte ich euch in meiner Buchkolumne den Roman „Mädchen, Frau etc.“ von Bernadine Evaristo vorgestellt. Das obige Zitat stammt aus ihrem neuen Buch „Manifesto warum ich niemals aufgebe“ (Tropen Verlag; übersetzt von Tanja Handels), in dem sie von ihrem Leben als Frau, Schwarze, Lesbe und Schriftstellerin erzählt. Geboren 1959 im Süden Londons, als Tochter einer englischen Mutter und eines nigerianischen Vaters, wuchs Evaristo als viertes von acht Kindern in ärmlichen Verhältnissen auf.


„Als nicht-weißer Person weiblichen Geschlechts aus der britischen Working-Class standen die Grenzen, die mir gesetzt werden würden, bereits fest, bevor ich auch nur den Mund aufsperren und den Schock darüber hinausbrüllen konnte … meine Zukunft war wenig verheißungsvoll ich war dazu bestimmt, als Mensch zweiter Klasse gesehen zu werden.“


Sie erzählt von ihrer Kindheit mit einer liebevollen Mutter und einem einschüchternden Vater und dem allgegenwärtigen Rassismus in Schule und Alltag. Über das Jugendtheater findet sie ihren Weg an die Schauspielschule und schließlich ans Theater und entdeckt dabei ihre Leidenschaft fürs Schreiben. Sie entwickelt ihre ganz eigene Art, Geschichten zu erzählen und wird dafür als erste Frau of colour 2019 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. In „Manifesto“ erinnert sich Bernadine Evaristo an ihren schwierigen Weg, der gekennzeichnet ist von Klassenzugehörigkeit, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit und wie sie es trotz aller Widerstände geschafft hat, ihre eigene Lebensphilosophie zu entwickeln und zu leben. Unbeirrbar, aber nie unkritisch und mit viel Selbstreflexion, macht sie uns Frauen Mut, zu uns selbst zu stehen und niemals aufzugeben!!


Frauenleben einst ...

Die Biografien von Frauen sind so unterschiedlich und vielfältig wie das Leben selbst, je nachdem wo, wann und in welchen Verhältnissen unser Leben beginnt.                                                                                                     

Von einem beeindruckenden Frauenleben Anfang des 19. Jahrhunderts erzählt der Autor Edvard Hoem in seinem Roman „Die Hebamme“ (Verlag Urachhaus; übersetzt von Antje Subes-Cramer), in dem er die Geschichte seiner Ururgroßmutter Marta Kristine Andersdatter Nesje in literarischer Form zum Leben erweckt. Marta Kristine lebt mit ihrer Familie am Romsdalsfjord in Norwegen: Fürs tägliche Überleben muss die Familie hart kämpfen, die Armut bestimmt ihren Alltag und die Natur ist für sie Segen und Fluch zugleich. Schon als junges Mädchen ist Marta Kristine ihrer Zeit voraus und weiß genau, was sie will: Hebamme werden. 1821 macht sie sich 600 km zu Fuß auf den Weg nach Christiana, um dort die Hebammenschule zu besuchen. Sie will den werdenden Müttern helfen, stößt dabei aber auf große Widerstände, haben die Bauernfamilien doch ihre Kinder bisher ohne Hebamme zur Welt gebracht. Auch ihr eigener Alltag als Mutter von elf Kindern ist gekennzeichnet von Sorgen, Strapazen und unvorhersehbaren Schwierigkeiten, aber auch geprägt von Liebe und Zuversicht. Edvard Hoem lässt in karger wie poetischer Sprache eine Epoche, eine Landschaft und eine Familie wiederauferstehen, gibt Einblicke in das Leben einer Hebamme zur damaligen Zeit und erzählt liebevoll-feinfühlig von seiner Ururgroßmutter, einer bemerkenswerten, kraftvollen und beeindruckenden Frau!

Vielen Dank! Der Urachhaus Verlag stellt uns drei Exemplare zur Verfügung, die wir auf Instagram verlosen!

Im selben Jahrhundert, aber an einem anderen Ort spielt der sprachgewaltige Roman „Kazimira“ von Svenja Leiber (Suhrkamp Verlag): Vor dem Hintergrund des Bernstein-Abbaus am Baltischen Meer breitet sich ein Panoptikum von Frauenschicksalen zwischen 1870 und 1945 aus, wobei alle Figuren miteinander durch den Bernstein und dessen Einfluss auf das Leben in der Kuhrischen Nehrung verbunden sind. Im Mittelpunkt steht Kazimira, die Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrem Mann Antas in der Nähe der größten Bernsteingrube in Ostpreußen lebt. Kazimira ist anders als die ansässigen Ehefrauen der Bergmänner: Sie möchte nicht nur Hausfrau und Mutter sein, sondern arbeiten wie ihr Mann. Sie möchte Hosen tragen, sich die Haare kurz schneiden, selbstbestimmt lieben und leben. Kazimira stellt sich gegen gesellschaftliche Normen, kämpft für ihre Rechte, fällt immer wieder hin und lässt sich trotzdem nicht unterkriegen. Man begleitet sie und ihre Gefährtinnen beim Aufstieg und Fall der Annagrube, durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg inklusive Antisemitismus, Homophobie, Nationalismus, Krieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit:


„Für nix sterben und noch stolz drauf sein, das ist Krieg.“


In atmosphärischer, kraftvoller und zugleich zärtlicher Sprache erzählt Svenja Leiber Familiendramen und Frauenleben vor dem Hintergrund deutscher Geschichte aus einer Ecke Europas, die wenig Beachtung findet. Für mich ist „Kazimira“ wie ein Bernstein, den man zufällig am Strand findet, dem man aber im ersten Moment zu wenig Beachtung schenkt. Bekommt er dann aber die verdiente Aufmerksamkeit, entwickelt er eine Strahlkraft, der man sich nicht entziehen kann!!

Ein weiteres bemerkenswertes Frauenleben erzählt Banine in ihrem 1946 erschienenen Buch „Kaukasische Tage“ (dtv Verlag; übersetzt von Bettina Bach). Banine war das Pseudonym von Umm-El-Banine Assadoulaeff, die 1905 als jüngste Tochter eines reichen Ölbarons in Baku/Aserbaidschan geboren wurde. In dem neu übersetzten, autobiografischen Roman beschreibt sie ihre Kindheit in einer widersprüchlichen Welt: Die Großmutter ist eine strenge Muslima, die über die Familie die Regentschaft führt, das deutsche Kindermädchen gleicht einem Engel, der Vater verkörpert den westlich orientierten Globetrotter und Lebemann und heiratet nach dem Tod der Mutter eine gebildete Russin aus Moskau. Banine führt ein luxuriöses, wildes Leben voller Privilegien, aber auch voller Gegensätze, bis 1917 die russische Revolution ausbricht und sich Aserbaidschan unabhängig macht. Als die Rote Armee einmarschiert, wird ihr Vater verhaftet und Banine heiratet mit 15 Jahren einen Mann, den sie hasst, um ihrem Vater die Flucht zu ermöglichen. Am Ende bleibt nur die Emigration – stilecht mit dem Orient-Express nach Paris ...                                                                                               

Mal fesselnd, bewegend und dramatisch, mal selbstironisch, witzig und bissig, aber immer freizügig und schonungslos ehrlich fasziniert Banine mit einer Welt außerhalb unserer Vorstellungen und lässt uns teilhaben an ihrem schillernden, verrückten Leben vor dem Hintergrund großer historischer Umwälzungen und Veränderungen!!


Frauenleben ...

Eine bewegende autobiografische Geschichte im Hier und Heute erzählt die Fotografin Bettina Flitner, die 2017 ihre drei Jahre ältere Schwester Susanne durch Suizid verloren hat und die durch das Schreiben ihrer gemeinsamen Vergangenheit einen Teil ihrer Trauer und Verzweiflung verarbeiten konnte. Als ihr Schwager Thomas sie eines Abends anruft, um sie unter Tränen über den Tod ihrer Schwester zu informieren, ist das ein Schock für Bettina Flitner – hatte sich doch 33 Jahre zuvor bereits ihre Mutter das Leben genommen. Sie fühlt sich schuldig: Hat sie bestimmte Anzeichen übersehen, sich zu wenig um die große Schwester gekümmert, deren Leben immer wieder durch schwarze Raben verdunkelt worden ist? Bettina Flitner macht sich auf Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte, nutzt das Erinnern als Therapie für sich selbst. Feinfühlig und liebevoll erzählt sie von der gemeinsamen Kindheit in den 70er-Jahren, der schwierigen Beziehung ihrer Eltern, den ständigen Ortswechseln, den schwarzen Schatten der Depression, die die Familie schon lange begleiten. Die innige Nähe der Kinder Bettina und Susanne beschreibt sie mit viel Witz und Zärtlichkeit, aber sie geht auch schonungslos offen mit der Ablösung vom Elternhaus, der Entfernung zu ihrer Schwester und der eigenen Befreiung um. Mit dem Blick einer Fotografin erzählt Bettina Flitner mutig und selbstreflektiert von ihrer Vergangenheit, verarbeitet ihre Schuldgefühle und vermittelt dabei trotz aller Schwere so viel Lebensfreude und Energie, dass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte!!„Meine Fragen habe ich nicht beantwortet bekommen. Im Gegenteil: Es sind noch mehr Fragen hinzugekommen. Aber vielleicht ist es ja so, dass die Fragen wichtiger sind als die Antworten. Eines hat sich aber grundsätzlich verändert: Das Gefühl des Ausgeliefertseins wich.“

All die zum diesjährigen Weltfrauentag von mir vorgestellten Bücher beschäftigen sich mit dem Thema „Frauenleben einst und heute“. Um die Ungleichheit zwischen Mann und Frau, die noch immer auf unserem Planeten herrscht, besser zu verstehen, hat die amerikanische Professorin für „Global Studies“ Joni Seager in „Der Frauenatlas“ (dtv-Verlag; übersetzt von Renate Weitbrecht und Gabriele Würdinger) 164 Infografiken und Karten zusammengestellt: Wie leben Frauen weltweit? Welche Chancen und Rechte haben sie? Wie schaut es mit der Bildung in den unterschiedlichen Ländern aus? Wo gibt es Fortschritte und wo eher Stagnation oder gar Rückschritt? Wir erfahren, dass doppelt so viele Frauen wie Männer nicht lesen können. Oder dass sie pro Tag 4,4 Stunden unbezahlte Hausarbeit leisten, Männer nur 2,7 Stunden. Oder dass 50 Länder reglementieren, wie Frauen sich aus religiösen Gründen zu kleiden haben. Es geht um das Geschäft mit der Schönheit, um Prostitution, um häusliche Gewalt und Frauenhäuser, um Reichtum und Armut, um Krankheiten und Familienplanung und um die Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts:

„Auf der Weltkarte der Frauen gibt es nur wenige ‚entwickelte‘ Länder.“

Das Buch ist informativ, augenöffnend, aufrüttelnd und beantwortet auf jeder Seite die Frage nach der Notwendigkeit des Feminismus!!


Sich mit den fiktiven oder realen Biografien von Frauen in unterschiedlichen Ländern und Epochen auseinanderzusetzen, ist immer eine Bereicherung für das eigene Leben: Es inspiriert, macht Mut und fordert dazu auf, einen Blick auf den eigenen Weg zu werfen, neue Wünsche und Ziele zu formulieren und eventuell auch sich selbst neu zu orientieren.


„Gib niemals auf, für das zu kämpfen, was du tun willst. Mit etwas, wo Leidenschaft und Inspiration ist, kann man nicht falsch liegen.“


Mit diesem wunderbaren Satz der Jazz-Sängerin Ella Fitzgerald wünsche ich euch am 8. März einen schönen Frauentag, lasst euch feiern!

 

Wir lesen uns!

Die Buchstaplerin

 

 

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