21•06•2019 ••

Lieblings-Lese-Orte

Für mich ist Lesen eine der schönsten Beschäftigungen, die es gibt. Und da ist es fast egal, ob ich mich am Sonntagmorgen stundenlang in meine Zeitung vertiefe, ob ich ein Sachbuch zu einem bestimmten Thema lese oder ob es gar ein Roman ist, der mich in eine andere Welt eintauchen lässt. Aber zum Lesen habe ich immer bestimmte Rituale. Für die Sonntagszeitung brauche ich auf alle Fälle einen Kaffee, für das Sachbuch ein Thema, das mich fesselt, und für den Roman ... da gibt es viele Möglichkeiten. In der Zeit, als ich noch in Paris lebte, habe ich mich oft einen ganzen Sonntag mit einem Buch in einem Café verschanzt und bin von Kaffee über Wasser zum Rotwein übergegangen. Und früher habe ich es auch oft geschafft, ein ganzes Buch an einem Tag zu lesen. Das fällt mir heute schwer. Einfach, weil es A) an Zeit mangelt oder B) am Abend so müde bin, dass ich oft über den Seiten einschlafe. 

Jetzt haben wir aber unsere FTF-Buchbotschafterin Manja. Und das brachte mich auf die Idee, meine schönsten Lese-Orte zu teilen. Klar, im Winter ober bei Regen ist es einfach. Da sitze ich im Wohnzimmer in meinem XXL-Sessel mit einer großen Tasse Kaffee, eingekuschelt in meinen alten Lieblingspullover und mache es mir mit meinem Buch gemütlich.

Aber, jetzt ist draußen wundervolles Wetter und warum sollte ich nicht einfach mein Buch einpacken und damit nach draußen gehen. Es gibt nämlich ganz wundervolle Orte, sogar für die passende Literatur. Natürlich habe ich die jetzt mal in meiner Heimatstadt München ausgesucht, aber ich bin mir sicher, diese Orte gibt es überall. Man muss nur mal mit offenen Augen und ein bisschen Muse durch die Straßen schlendern.


Es gibt so viele Bücher, dass es keinen Sinn hat, welche zu lesen, die einen langweilen. 

Gabriel García Márquez


Am Elisabethmarkt an einem Kräuterstand

Den Elisabethmarkt gibt es seit über 100 Jahren im Herzen von Schwabing. Benannt ist er nach der österreichischen Kaiserin Sissi und man bekommt dort an den Marktständen kulinarische Leckereien aus der Region, Käsespezialitäten, Bio-Fleisch, frischen Fisch und Blumen. Die festen Markthäuschen, die das Erscheinungsbild des Marktes prägen, stehen da seit 1950. 

Sitzen kann man hier unter den alten Kastanienbäumen oder am kleinen Spielplatz in der Mitte oder eben an einem Kräuterstand - und kann sich mit dem Markttreiben im Hintergrund ganz wunderbar in ein Buch vertiefen.


Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.

Heinrich Heine


 

Im Garten der Seidlvilla auf einer Fensterbank

Die Seidlvilla (auch Villa Lautenbach) ist eine wundervolle im Jahr 1905 von Emmanuel von Seidl erbaute Villa am Nikolaiplatz. Errichtet im Stil der deutschen Renaissance mit Jugendstil-Elementen, bestand die Anlage ursprünglich aus einem herrschaftlichen Wohnhaus mit Nebengebäuden für Stallungen und Bedienstetenwohnungen. Die Räumlichkeiten der Seidlvilla stehen seit 1991 für Kunstausstellungen, literarische Lesungen, Liederabende, klassische Konzerte und andere kulturelle Events zur Verfügung. 

Der traumhaft eingewachsene Garten ist wie geschaffen für einen Lesenachmittag in der Sonne - mit einem guten Buch. Ein kleiner, ruhiger Platz mitten in der Stadt.


Lesen ist ein großes Wunder.

Marie von Ebner-Eschenbach


Auf den Steinstufen der Glyptothek

In der Abendsonne ist das ein heißer Ort, denn wenn es zu dunkel zum Lesen wird, kann man hier auf den aufgewärmten Steinstufen noch dem Treiben um den Königsplatz zusehen.

Die Glyptothek ist Münchens ältestes öffentliches Museum, und es ist auch das einzige Museum der Welt, das alleine den antiken Skulpturen gewidmet ist und eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen griechischer und römischer Kunst zeigt.

Welcher Ort wäre besser für einen historischen Roman über das alte Rom oder die griechische Antike?

PS: Leider habe ich festgestellt, dass die Glyptothek gerade eine Baustelle ist. Was für ein Skandal! Aber man kann natürlich genauso gut gegenüber auf die Stufen der Staatlichen Antikensammlung ausweichen. Ausgestellt werden hier Exponate aus der Sammlung griechischer Vasen und Keramik und auch etruskischer und römischer Kunst.


Bücher sind fliegende Teppiche ins Reich der Phantasie.

James Daniel


Auf einer Bank in den Lenbach-Gärten

Die Witwe Lolo von Lenbach bot das Lenbachhaus 1924 der Stadt München zum Kauf an. Damit verbunden war die Schenkung des Inventars und zahlreicher Werke ihres Mannes. 1929 wurde das Lenbachhaus als städtische Galerie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 

Leider wurde das Ziel des Gründungsdirektors Eberhard Hanfstaengl, nämlich Münchner Malerei und zeitgenössische Kunst in einer städtischen Kunstsammlung zu zeigen, 1933 durch die Nationalsozialisten vereitelt.

Das Haus wurde 1944/45 im Krieg massiv zerstört, aber 1947 war es schon wieder aufgebaut. Ein Museum von Weltrang wurde das Lenbachhaus durch die großzügige Schenkung Gabriele Münters anlässlich ihres 80. Geburtstags am 19. Februar 1957. Damit zog die Kunst der „Blauen Reiter“ mit den berühmten Werken ihres langjährigen Lebensgefährten Wassily Kandinski und vieler anderer Expressionisten-Freunde in das Haus ein.

Formal orientiert sich das Lenbachhaus an einer toskanischen Villenanlage mit einer vorgelagerten Freitreppe mit Brunnenschalen und römischen Architekturmotiven. Im Garten stehen ebenfalls Ausstellungsstücke und eine durch Brunnen gegliederte Gartenanlage. Aber was ganz besonders schön ist, es gibt auch zahlreiche Bänke, auf denen man sich niederlassen kann. Ein bisschen kommt man sich hier vor wie in Italien. Ein wundervoller Ort für eine italienische Geschichte.


Was die Jugend braucht, ist Disziplin und ein voller Bücherschrank.

Vivienne Westwood


Auf einer Bank im alten Nordfriedhof

Als romantische Grünfläche in der Maxvorstadt zählt der Nordfriedhof mit seiner Nähe zum Schwabinger Künstlerviertel und der Uni zu einem Kleinod. Er ist Ruhe- und Rückzugsraum, kunst- und kulturhistorisch bedeutender Friedhof mit historischen Grabmälern, aber auch ein beliebter Treffpunkt, der das Münchner Lebensgefühl widerspiegelt. Dort treffen sich Jogger, bücherlesende Studenten in den Wiesen und Eltern mit spielenden Kindern. Sie prägen das Friedhofsbild ebenso wie alteingesessene Münchnerinnen und Münchner, die hier noch ihre Gräber pflegen und Menschen, die die Stimmung und Atmosphäre des alten Friedhofs genießen. Gebaut wurde der Alte Nördliche Friedhof 1868. 1939 fand die letzte Bestattung statt. Dennoch ist der Alte Nördliche Friedhof bis heute ein Friedhof und kein Park.

Alleine die Grabsteine, die hier stehen, erzählen schon Geschichten und man bräuchte gar kein zusätzliches Buch.

Zum Beispiel der Maler Carl August Lebschée, der in seinen Bildern Altmünchner Szenen festhielt und völlig verarmt, halb blind und krank im Jahr 1877 starb. Oder der Erfinder des ersten U-Boots, Wilhelm Bauer, der im Starnberger See den ersten Unterwasser-Scharfschuss abschoss. Die Tänzerin Lucile Grahn-Young war eine der vier weltweit berühmtesten Primaballerinen, die 1845 in einem „Pas de Quatre“ im königlichen Theater in London auftraten. Gottfried von Neureuther baute den Würzburger Hauptbahnhof, errichtete die Technische Universität in München und weitere Bauten in München. Der Schriftsteller und Münchner Ehrenbürger Hermann Lingg gründete mit dem Nobelpreisträger Paul Heyse die Münchner Dichter-Gesellschaft „Die Krokodile“. Und davon gibt es unzählige mehr.

Hier also, an diesem geschichtsträchtigen Platz zu sitzen, mit einem Buch, ist wundervoll inspirierend.


Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.

Aldous Huxley


Auf einem Sofa auf der Terrasse der Goldenen Bar

Eröffnet wurde das „Haus der Deutschen Kunst“ im Jahr 1937. Bei seiner Eröffnung diente der neoklassizistische Bau den Nationalsozialisten als maßgebende Kunstinstitution. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Gebäude kurzfristig den Amerikanern als Offizierskasino. Doch bereits ab 1946 wurde es wieder für die Kunst genutzt. Seitdem ist das Haus der Kunst ein Zentrum für internationale und moderne Gegenwartskunst mit wechselnden Ausstellungen international renommierter Künstler.

Auf der Rückseite des Hauses der Kunst befindet sich die Goldene Bar. Unter einem meterhohen Säulengang oder auf der weitläufigen Terrasse kann man sich hier auf einem Stuhl oder der Treppe niederlassen und mit Blick in den Englischen Garten und einem Glas Rotwein in ein Buch vertiefen.


Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen.

Hans Derendinger


Und last but not least

Im Englischen Garten mit den Füßen im Eisbach oder in Gesellschaft einer Entenfamilie

Der schönste Platz für uns Münchner ist und bleibt der Englische Garten.

Dabei ist er sowohl künstlerisch von hoher Qualität als auch sozialgeschichtlich als der erste Volksgarten auf dem Kontinent von großer Bedeutung. Großzügige Weite, ständig wechselnde Parkarchitekturen und landschaftliche Elemente machen den Englischen Garten zum Musterbeispiel für einen klassischen Landschaftsgarten und ließen und lassen ihn so in die Geschichte der Gartenkunst eingehen.

Wir Münchner und wahrscheinlich auch alle Besucher lieben unseren EG. Und hier gibt es sooo viele Möglichkeiten, sich mit einem Buch niederzulassen. Sei es auf den Wiesen, den zahllosen Bänken, auf den Stufen des Monopteros oder einfach am Ufer des Eisbachs mit den Füßen im kalten Wasser.

Ein Roman ist wie der Bogen einer Geige und ihr Resonanzkörper wie die Seele des Lesers.

Stendhal


Weitere Lese-Orte:

• Auf den alten Fragmenten des Siegestors in der Nieserstraße

• Auf der Mauer beim Kunstpavillon im Parkcafé im alten Botanischen Garten

• In einem Sessel unter der Glaskuppel beim Kamin im Bayerischen Hof oder im Dachgarten

• Zu Füßen der Bavaria

• Auf der Bank um den Baum auf dem Jakobsplatz mit der Synagoge

• Auf einem Klappstuhl im Garten des Restaurants Alter Hof

• Am Brunnenrand auf dem Weißenburger Platz

• Auf einem Klappstuhl im Gasthaus zum Kloster in Haidhausen

• Auf einer Liege im Hof der Sauna vom Müllerschen Volksbad

...

Das sind nur ein paar meiner persönlichen Lieblingsplätze. Ich bin mir sicher, jeder von euch hat so einen Lieblingsplatz, an den er sich gerne mit einem Buch zurückzieht. Vor Augen habe ich immer eine Holzbank unter einem Apfel- oder Kastanienbaum, den Geruch des Sommers in der Nase, das leise Schwirren der Bienen und eine Geschichte, die einen so fesselt, dass man sich wünscht, sie möge nie enden.

Wir freuen uns, wenn ihr uns eure Lieblings-Lese-Orte verratet.


Bücher sind Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen.

Francis Bacon

 

Kommentare

FTF, Sabine Fuchs
21•06•2019
Liebe Uli, so schöne Orte, die du da rausgesucht hast. Kann man dort eigentlich auch schreiben? Dann würde ich vorschlagen, wir treffen uns für den nächsten Artikel in der Seidlvilla. ♡Sabine♡
FTF, Uli Heppel
23•06•2019
Liebe Sabine, lieben Dank und das finde ich eine ganz großartige Idee. Vielleicht treffen wir dort ja auch den einen oder anderen Lese-Ort-Tester ;-) Hab's fein im Kranzbach ♡Uli
Karin Austmeyer
23•06•2019
Welch wundervolle Orte hast du Dir da ausgesucht und mich gleich auf die Idee gebracht, auch enmal für Köln eine solche Zusammenstellung zu machen. Liebelingsorte gibt es schließlich überall. Liebe Grüße Karin
FTF, Uli Heppel
23•06•2019
Liebe Karin, das finde ich abee eine ganz großartige Idee. Wahrscheinlich könnte man darüber gleich ein ganzes Buch über die Liblings-Lese-Orte und Deutschland machen. Ich freu mich, dass ich dich dazu inspirieren konnte. Viel Spaß dabei. ♡Uli
Konstanze
23•06•2019
Halli hallo, wenn ich all die schönen Orte sehe zum Verweilen geniere ich mich fast, meinen Lieblingsleseort zu nennen, nämlich mein Bett. Seit ich lesen kann bin ich Leseratte, und der Rückzug von allem und jedem und Eintauchen in die Welt des momentanen Buches ist für mich regelrecht lebensnotwendig und wenn es nur eine Seite mit sich schon verdrehenden Augen nachts um 3 ist. Natürlich kommt noch der Strandstuhl am Meer und der Liegestuhl hinterm oder vor dem Womo dazu. Aber meistens schlafe ich dabei ein. Nein, nein, nichts geht über die Vorfreude, wenn man mal ein wirklich gutes Buch erwischt und sich den ganzen Tag drauf freut es eingemummelt weiter lesen zu dürfen. Gaaanz liebe Grüße, Konstanze
FTF, Uli Heppel
23•06•2019
Liebe Konstanze, das kann ich so gut verstehen. Es gibt Bücher, da möchte man, dass sie nie zu Ende sind und braucht gleichzeitig das Ende. Und ich finde im Bett lesen ist ein absoluter Luxus. Leider schlafe ich da leicht ein und lese die gleiche Seite dann 20 mal. Aber ich freu mich sehr über deinen wertschätzenden Kommentar. Weiterhin viel Spaß mit deinen Geschichten. ♡Uli

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