09•03•2020 ••

Über den Jojo Effekt in meinem Kopf

Manche Geschichten in unserem Buch haben beim Schreiben so richtig wehgetan. Dazu gehört für Uli die Kolumne “Über den Jojo-Effekt in meinem Kopf". Hier ein Auszug daraus ...

 

... Das erste Mal, als ich mir meiner vermeintlichen Figurprobleme bewusst – oder sagen wir, auf sie aufmerksam gemacht – wurde, war ich zehn oder elf Jahre alt. Fräulein Bertram war meine Ballettlehrerin und ehemalige Tänzerin, also von Haus aus »Typ superschlank« und total reizend bis zu dem Tag, an dem sie spröde zu mir sagte, meine Oberschenkel würden bei manchen Etüden wohl etwas sehr aneinanderreiben.

Ich solle mal weniger Süßigkeiten essen, meine Battements würden mir dann leichter fallen. Nun fand ich meine Battements bis dahin völlig luftig und leichtfüßig und meine Oberschenkel total normal. Wahrscheinlich waren sie es auch, denn ich war noch nie ein Fan von Süßigkeiten. Außerdem hatte ich auch nie die Ambition geäußert, in den Corps des Bayerischen Nationalballetts aufgenommen oder gar Primaballerina zu werden. Ich hatte bis dahin einfach nur Spaß am Spitzentanz.


Aber bähhhm, da war es nun, dieses Urteil, auf das ich anfangs nur trotzig und dann aber irritiert reagiert habe.


Trotzig, weil ich dachte: »Gut, dann esse ich halt jetzt gar nichts mehr«. Und irritiert, weil ich ab diesem Zeitpunkt damit anfing, jedes Nahrungsmittel kritisch auf seinen Energiegehalt zu überdenken, bevor ich es mir in den Mund schob. Der Beginn einer fast lebenslang andauernden Gewohnheit.

Ich habe oft darüber gegrübelt, was ein so dahingesagter Satz mit einem Kind machen kann. Gerade bei einem jungen, unsicheren, heranwachsenden Mädchen, das erst noch nach seiner Richtung sucht und nach dem Körper, in dem es sein will und sich wohlfühlt. In dieser Zeit der Vorpubertät sind wir so sensibel und empfänglich für jeden Einfluss und Kritik von außen. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten noch gesteigert und zugespitzt. Durch Fernsehshows, Magazine und die sozialen Medien wird das Erreichenwollen eines vermeintlichen Schönheitsbilds unter jungen (und auch älteren) Mädchen und Frauen immer mehr zum Lebensinhalt. Noch nie gab es so viele essgestörte junge Menschen, die sich entweder runterhungern oder nach dem Essen die Seele aus dem Leib kotzen. Gut, als ich elf war, gab es noch keine sozialen Medien, aber eine Ansage der verehrten Ballettlehrerin hatte sicher ähnliche Auswirkungen wie heutzutage ein kritischer Kommentar von Heidi Klum an ihre Mädchen.


Fräulein Bertrams Urteil hat mich für mein Körpergewicht sensibilisiert und ich vermute, es hat in mir eine lebenslange Daueraufgabe losgetreten – die des Strebens nach dem perfekten Körper.


Man stelle sich vor: Hätte ich diese Ballettstunde verpasst, wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre?


Gibt es bei euch auch ein Erlebnis, das euer Körpergefühl einschneidend beeinflusst hat?


Kommentare

Susa Berg
17•03•2020
Hallo aus Köln, bei mir war es auch mit 10/11 Jahren der Spruch einer Verwandten, die mich länger nicht gesehen hatte: "das Mädchen hat ja ein geradezu klassisch griechisches Profil". Nun, das saß. Ich also ab ins Badezimmer und versucht, mich im Profil zu betrachten. Ging nicht, weil wir keinen "Alibert" hatten mit zu öffnenden Türen. Aber, beim nächsten Besuch bei meiner "modernen" Tante, die einen Spiegelschrank im Bad hatte, habe ich natürlich direkt mal mein Profil angeschaut. Und ja, keine Stupsnase sondern eine schmale Nase, nicht klein, nicht groß. Aber mir viiieel zu groß. Ich fühlte mich wie Geierwally… das hat mich lange beschäftigt durch meine Teenagerzeit. Nie fühlte ich mich richtig hübsch. Schade, wenn ich mir heute die alten Fotos anschaue denke ich "na du Süße". Susa, JG 1958
FTF, Uli Heppel
18•03•2020
Liebe Susa, ist es nicht unglaublich, was man sich als Kind oder Teenager so alles zu Herzen genommen hat? Mit dem Wissen und der Erfahrung von heute könnten wir damit viel lässiger umgehen. Ich empfinde es heute so, dass mit einfach wertvolle Zeit glaubt wurde, durch diese Aussagen. Wieviel und wie oft haben meine Gedanken darum gekreist. Und dann bin ich froh, um mein Alter, meine Lebenserfahrung und mein erlangtes Selbstbewusstsein jetzt. Alles hat seine positiven Seiten – auch das Altern. Take care. ♡Uli
Daisy
19•03•2020
Hallo, mir fällt immer wieder auf, dass wir Frauen uns zu sehr von außen leiten lassen. Sobald ein anderer Mensch Kritik an unserem Äußeren ausspricht, glauben wir es und wollen es ändern. Manch blöde Bemerkung sitzt tief und hält ein Leben lang. Warum tun wir uns das an und können uns nicht annehmen wie wir sind? Euch einen schönen Tag! Daisy
FTF, Uli Heppel
19•03•2020
Liebe Daisy, damit hast du sicher recht. Und wir können nur hoffe und daran arbeiten, dass wir unseren Töchter hier etwas anderes für ihr Leben mitgeben. Ich denke, wir sind da schon etwas anders als unsere Mütter es waren und die nächste Generation kriegt noch mal was anderes mit. Take care. ♡Uli

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