11•04•2019 ••

Die Buchbotschafterin: Buchtipp #1

Manja hat für den April drei ganz wundervolle Buchtipps für uns. Ich war schon beim Lesen ihrer Rezensionen total beflügelt. Wir hoffen, dass wir euch genauso dafür begeistern können und freuen uns sehr über eure Meinungen zu den Büchern. Ihr könnt Manja aber auch gerne nach Buch- und Lese-Tipps befragen. Sie ist ein absoluter Bücherwurm. Viel Spaß nun beim Lesen. Und die drei Tipps gehören zu unserem Aprilthema „Fange an, etwas Neues aufzubauen“.

Buchtipp 1

Jana Revedin „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus. Das Leben der Ise Frank“, DuMont

Ein sehr lesenswertes Frauenporträt, eine Liebes- und Freundschaftsgeschichte vor dem Hintergrund einer der wichtigsten Architektur- und Designschulen: dem Bauhaus.

Die Stichworte unseres FTF-Monatsmottos „neu“ und „aufbauen“ führen mich gedanklich ganz schnell zum Bauhaus – natürlich auch wegen des diesjährigen 100. Gründungsjubiläums dieser spannenden Kreativgemeinschaft um Walter Gropius.

Umso passender, dass die Architektur-Professorin Jana Revedin sich diesem Stück Zeitgeschichte aus einer ganz neuen Perspektive nähert und einen biografischen Roman über Ise Frank vorlegt, die nicht nur Walter Gropius‘ zweite Ehefrau wurde, sondern erheblichen Einfluss auf die Gestaltung der Idee Bauhaus hatte. 

Jana Revedin gelingt es sehr elegant, das Gerüst biografischer Fakten mit prallem, unterhaltsamem Leben zu füllen. Natürlich sind die Dialoge ausgedacht, aber man hat immer das Gefühl, dass es so gewesen sein könnte. Es kommt auch der feine Humor nicht zu kurz, und es wird an mehreren Stellen deutlich, dass die erfolgreiche Architektur-Professorin nicht aus Ehrfurcht darnieder kniet – was sehr erfrischend ist.

Ise Frank, Jahrgang 1897, arbeitet als Rezensentin und Buchhändlerin in einer Verlagsbuch­handlung am Salvatorplatz in München, als sie 1923 dem 14 Jahre älteren Walter Gropius das erste Mal begegnet. Wunderbar elegant und amüsant sind die Dialoge, die Jana Revedin der lebenslustigen, aber vorsichtigen Ise, und dem immer etwas gehetzten und müden, in Geldnöten befindlichen Walter in den Mund legt. Oder wenn sie beschreibt, wie Gropius‘ Mutter Manon resolut feststellt, dass ihr geliebter Sohn, der „Weiberheld“, Ise unglücklich machen werde: „Kindchen! Lesen Sie keine Zeitungen?“

Ise Frank lässt sich trotzdem auf das Abenteuer ein, ihre vertraute Buchwelt zu verlassen, Walter Gropius zu heiraten und beim Gestalten des Bauhauses tatkräftig und beratend zur Seite zu stehen, ohne dass sie Fachfrau auf dem Gebiet der Architektur oder des Designs wäre. Ise Frank ist es, die den bunten Haufen der Bauhaus-Meister zusammenhält, während ihr Mann oft lang unterwegs ist, um Geldgeber zu akquirieren und die eine oder andere Untreue zu begehen.

Sehr schön und einfühlsam beschreibt die Autorin die überaus solidarische Frauenfreund­schaft zwischen Ise Frank und der gleichaltrigen Fotografin Irene Hecht (später Bayer), die die Bauhaus-Jahre fotografisch begleitete. In schwierigen Lebensphasen ist die Freundin für Ise tatsächlich wichtiger als ihr Ehemann.

Beim Lesen taucht man ein in viele wichtige Themen der 1920er-Jahre, die an Aktualität nur wenig verloren haben: Aufbruch in eine fast experimentelle neue Lebensart, der Spagat zwischen Realismus und Träumerei oder die Emanzipation der Frauen von einer antiquierten, männerdominierten Gesellschaft.

Insgesamt umfasst der Roman in voller Ausführlichkeit nur die wenigen Jahre von den Bauhaus-Anfängen zu Beginn der 1920er-Jahre in Weimar und Dessau bis zur Schließung durch die Nazis 1932. Die dann folgenden Jahre der Emigration nach Amerika und das weitere Wirken Ise Franks und der Bauhaus-Meister dort werden nur im Schnelldurchlauf zusammengefasst, was schade ist, aber Lust macht, sich weiter mit der Bauhaus-Geschichte zu beschäftigen.

 

Mein 2. Buchtipp

kommt aus einer ganz anderen thematischen Ecke und ist schon 2015 erschienen. Hin und wieder werde ich euch also auch Lieblingsbücher vorstellen, die zwar nicht brandneu sind, aber einfach gut zum Thema passen und die ich absolut lesenswert finde. Falls ihr diese schon kennt, freue ich mich trotzdem über ein Feedback, wie euch das Buch gefallen hat.

Milena Moser „Das Glück sieht immer anders aus“, Nagel & Kimche

Kurz vor ihrem 50. Geburtstag ist die Ehe der Schweizer Autorin Milena Moser zu Ende. Ihre beiden Söhne sind fast erwachsen und selbstständig in der Welt unterwegs. Aber anstatt sich dem Kummer hinzugeben, macht sie sich allein auf eine schon länger geplante Reise durch die USA. 

Sie besucht auf dem Weg von New York gen Westen glückliche Langzeitpaare aus ihrem Freundeskreis. Die Frage, die Milena Moser beantwortet haben möchte, lautet: Was können die, was mir nicht gelungen ist? Aber bald geht es gar nicht mehr nur darum. Wie nebenbei skizziert die Autorin kleine Beobachtungen aus dem Alltag der Paare. Mit Zuneigung zu den schrägsten Typen lässt sie einen teilhaben an ihrem schweizerisch-europäischen Blick auf ein sehr andersartiges Land, das sie schon recht gut kennt, denn mit Mann und Söhnen hatte sie mehrere Jahre in San Francisco gelebt. Milena Mosers wunderbarer Humor hilft immer wieder sehr vergnüglich über kitschverdächtige Momente hinweg, und man genießt mit ihr gemeinsam ihre neugewonnenen Erkenntnisse. Mein Lieblingssatz lautet: 


„You teach people how to treat you. Wie du von anderen behandelt wirst, das hast du ihnen beigebracht.”


Jetzt will ich euch natürlich nicht das ganze Buch erzählen, nur soviel: Die Auszeit, von der Milena Moser hier erzählt, nutzt sie einerseits, um ihr Leben zu überdenken. Gleichzeitig traut sie sich, ganz neue Abzweigungen zu nehmen und unkonventionelle Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben schließlich verändern. 

Aber um Milena Moser selbst sprechen zu lassen:


Abenteuer sind anstrengend.


Dem hätte wahrscheinlich auch die Autorin Amy Liptrot sofort zugestimmt, auch wenn sie über ganz andere und wesentlich härtere Erlebnisse zu berichten hat.

 

Mein 3. Buchtipp:

Amy Liptrot „Nachtlichter“/ „The Outrun“, btb Verlag

 

In diesem autobiografischen Roman geht es um einen Neustart der ganz anderen Art: Die auf den schottischen Orkney Inseln zur Welt gekommene Autorin Amy Liptrot kehrt nach über zehn heftigen Jahren in London, die geprägt waren von existentiellen Erlebnissen und Existenzängsten und einer immer stärker werdenden Alkoholsucht, zurück auf ihre Heimatinsel. Sie ist Ende 20 und will wieder zu sich kommen. 

Sie nimmt zunächst verschiedene Jobs an, putzt auf einer Nordsee-Bohrinsel oder zählt seltene Vögel im Morgengrauen. Dabei berichtet sie, was in der kargen, windigen, baumlosen Natur um sie herum vor sich geht. 

Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit kommen hervor, z.B. wie ein Traktor versehentlich auf abschüssiger Straße über die Klippen rollt und im Atlantik versinkt, weil der Nachbar vergaß, die Handbremse anzuziehen. 

Ihr Kampf gegen den Alkoholismus wird ebenso thematisiert wie die Schönheit der kargen nordischen Natur, die im besonderen Detail liegt. Ein krasseres Gegenteil zum Großstadtleben in London ist kaum vorstellbar.  

Dass diese Geschichte einer Heilung unglaublich spannend zu lesen ist, liegt an der heraus­ragenden literarischen Fähigkeit Amy Liptrots. Ihr Stil hat etwas völlig Unsentimentales und trotzdem Berührendes.


 

Und nach der Lektüre hatte ich richtig Lust, auf die Orkney Inseln zu fahren – trotz des ewigen Windes dort. ​


So, und nun sind Manja und wir natürlich ganz gespannt, wie euch die Buchtipps gefallen haben. Schreibt uns bitte, wir freuen uns über eure Anregungen.

Kommentare

Cordu
11•04•2019
Coole Bücher! Macht direkt Lust, sie zu lesen ... ich bestell sie schonmal gleich :)
FTF, Uli Heppel
12•04•2019
Liebe Cordu, ach wie toll, da freuen wir uns alle sehr. ♡Uli
Marion Gaedicke
12•04•2019
Vielen Dank für die 3 Tipps, es liest sich munter herunter und ich spüre, dass die Autorin Freude am Lesen und ihren Entdeckungen hat. Buch 2 und Buch 3 interessieren mich, die kommen auf meine Lese-Liste. Freue mich auf die nächsten Empfehlungen...
FTF, Uli Heppel
12•04•2019
Liebe Marion, das freut mich aber sehr und die Manja wird sich aber auch total freuen. Und ich bin sicher, da kommt noch ganz viel tolles. ♡Uli
Petra
16•04•2019
Klingen alle 3 sehr gut. Als erstes kaufe ich mir Milena Moser, ich begleite sie auf FB, ihr Leben habe ich allerdings übersehen, vermutlich ist meines zu voll :-) klingt interessant, danke.
FTF, Uli Heppel
18•04•2019
Hallo liebe Petra, das freut uns aber sehr. Und vielleicht kannst du uns ja mal Feed-Back geben, wie es dir gefallen hat. Schöne Ostern, ♡Uli

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