07•05•2020 ••

Die Buchbotschafterin – Buchtipps #11

Haben wir nicht alle gerade ein bisschen Fernweh? Genau dafür gibt es zwei wundervolle Buchtipps von unserer Buchbotschafterin Manja. Schicken wir doch einfach unsere Gedanken auf Reisen in andere Welten.

Wir alle hatten, glaube ich, in den vergangenen Corona-Wochen immer wieder Phasen, in denen das konzentrierte Lesen gar nicht so gut ging. Habt ihr diese Erfahrung auch gemacht? Hier empfehle ich euch zwei Frühjahrs-Neuerscheinungen, mit denen es trotzdem wunderbar klappen sollte, denn diese Romane ziehen einen ganz schnell in ihren Bann:

„Zwei und zwei“ von Tessa Hadley, Kampa Verlag, 2020, 320 Seiten

Zwei eng befreundete Paare, vier Individuen, alle Mitte/Ende 50, sie kennen sich seit Schul­zeiten, also seit Ewigkeiten, leben ein gut situiertes Leben in London, als einer von ihnen völlig überraschend an einem Herzinfarkt stirbt. 


„Natürlich ist es wahr. Die beschissensten Sachen sind immer wahr.“


Der Roman beginnt mit dem Telefonanruf der plötzlichen Witwe Lydia, die ihren guten Freunden Christine und Alex geschockt mitteilt, dass ihr Mann Zachary, ein angesehener, sehr wohlhabender Galerist, eben im Krankenhaus gestorben ist. Die zurückhaltende Christine ist Künstlerin, sie hat sich in ihrem Londoner Zuhause einen Atelierraum zum Malen eingerichtet, aber richtig Schwung hat ihre Karriere nie aufgenommen. Ihr Mann Alex hat zunächst als Autor sein Glück versucht, arbeitet nun aber als Lehrer. Die extrovertierte und egozentrische Lydia ist die verwöhnte Gattin des Galeristen und Mutter von Grace, die in Glasgow Kunst studiert, und ungefähr gleichaltrig ist mit Christines und Alex‘ Tochter Isobel.

Lydia zieht zunächst für ein paar Tage zu den Freunden, ihre temperamentvolle Tochter Grace kommt ebenfalls nach London zurück. Innerhalb dieses familiären Kosmos‘ entwickelt sich die Geschichte, die immer weiter in Rückblicken die Vergangenheit durchwandert und auch die Elterngeneration und die der Töchter ins Visier nimmt. Das Verhältnis der Freundin­nen Lydia und Christine wird schlaglichtartig über Jahrzehnte hinweg beschrieben, gemeinsa­me Reisen, die amourösen Verwicklungen der frühen Studentenjahre leben wieder auf, beide waren mal mit dem späteren Mann der anderen kurz zusammen. Und nach und nach kristallisiert sich heraus, was eigentlich diese beiden so unterschiedlichen Frauen verbindet. Auch die beiden Männer Zachary und Alex kennen sich, seit sie als Jungs auf eines dieser schrecklichen englischen Privatschul-Internate geschickt wurden, beide aus vollkommen unterschiedlichen Schichten stammend. Dort beginnt ihre lebenslange Freundschaft.

Dieses überaus dichte Beziehungsgeflecht gerät also durch den Tod von Zachary vollkommen aus dem Gleichgewicht. Was das plötzliche Vakuum für Auswirkungen auf jeden Einzelnen hat, seziert Tessa Hadley mit ihrem ganz realistischen, schnörkellosen Erzählstil und fein­füh­li­ger Empathie für jede Figur, aber immer auch mit einer kleinen Prise Ironie. Es geht um Lebensträume, verpasste Chancen, zukunftsverändernde Zufälle und die Schönheit der Kunst. Wie langjährige Beziehungen funktionieren können, oder eben auch nicht mehr, ist faszinierend nachvollziehbar und manchmal anrührend dargelegt. 


„Ist es nicht überhaupt unmöglich, jemanden ständig und andauernd zu lieben?“


Die 64-jährige britische Autorin und Literaturdozentin Tessa Hadley ist eine echte Entdeckung für mich. Glücklicherweise hat sie noch eine ganze Menge anderer Romane geschrieben.


 

„Unsere glücklichen Tage“ von Julia Holbe, Penguin Verlag, 2020, 320 Seiten

 

„The things you can’t remember tell the things you can’t forget“ – diese Songzeile von Tom Waits stellt die 51-jährige Autorin Julia Holbe ihrem Romandebüt vorweg. Und bis zu ihrem schönen Schlusssatz „Aber das war es wert.“ spannt sie die Geschichte der Ich-Erzählerin Elsa und ihrer Freundinnen Marie, Fanny und Lenica – und Sean.

Elsa arbeitet als Lehrerin und ihre beiden erwachsenen Kindern studieren in Boston, wo ihr geschiedener Mann lebt. Als sie zufällig ihre frühere Freundin Marie trifft, löst das bei ihr einen regelrechten Erinnerungsstrudel aus: Als junge Frauen hatten sie, Marie und Fanny, die dritte im Bunde, an der französischen Atlantikküste im Ferienhaus von Elsas Eltern Lenica kennengelernt, die in dem Dorf lebte, und viele Sommer lang dort unvergessliche und unbeschwerte Ferien verbracht. Sie schmiedeten Zukunftspläne, vertrauten sich Geheim­nisse an und schworen sich ewige Unzertrennlichkeit – bis Lenica eines Sommers ihren irischen Freund Sean mitbrachte. Elsa sah ihn an und wurde vom Liebesblitz getroffen. Danach war alles anders, und es sollte der letzte gemeinsame Sommer der Freundinnen sein. 

Inzwischen sind mehr als 25 Jahre vergangen, doch in Elsas Erinnerung sind die Erlebnisse von damals wieder glasklar präsent. Dass Lenica bald nach dem letzten Sommer gestorben war, hatte Elsa mit großer Trauer erfahren. Zusammen mit Marie, die als Neurologin mit Mann und Tochter in Paris lebt, und Fanny, die den Buchladen der Eltern in Luxemburg führt, begibt Elsa sich spontan auf eine Reise in die Vergangenheit, und sie fahren alle gemeinsam wieder in das Ferienhaus am Atlantik. Und plötzlich steht Sean im Garten.

Obwohl es eine herrliche, stellenweise auch sehr leichte Sommergeschichte ist, eine Liebes­geschichte, eine Freundschaftsgeschichte, ist der lockere Sound nicht selten von unterschwel­liger Melancholie und auch Wehmut nach etwas Uneinholbarem gefärbt. Auf einige große Überraschungen kann man sich einstellen, denn so nach und nach werden all die Gescheh­nisse des letzten Sommers verraten, die nicht nur Elsa betreffen. 

Es geht nicht nur um Erinnerungen, die doch manchmal nur das sind, was wir auch erinnern wollen, sondern auch die Gegenwart entwickelt sich für Elsa und ihre Freundinnen zu einem Abenteuer. Es geht um Loyalität, Ehrlichkeit und Betrug. 


Und ob die glücklichen Tage wirklich immer so glücklich waren, sei dahingestellt, Hauptsache sie waren es wert, gelebt zu werden.


Wir hoffen, wir können euch mit diesen beiden Geschichten ein bisschen in eine andere Welt entführen und freuen uns schon auf eure Kommentare dazu.

Kommentare

Uta Robbe
08•05•2020
Liebe Manja, mittlerweile ist es mir zur schönen Gewohnheit geworden: Ich erwarte deine Buchtipps mit gespannter Vorfreude. Morgen fahre ich in die Buchhandlung meines Vertrauens und werde mich von deinen Empfehlungen leiten lassen. Die nächsten Lesestunden sind "gebongt". Danke für deine tollen Tipps.
Manja
11•05•2020
Das freut mich aber sehr, dass meine Buchtipps zur schönen Gewohnheit geworden sind. Jetzt hast Du einen Monat Zeit, liebe Uta, bis die nächsten kommen! Viele vergnügliche Lesestunden wünsche ich Dir!
Gordana Harer
08•05•2020
Vielen Dank, genau richtige Inspiration für Sommerlektüre. Es ist schon war, jetzt ist auch Zeit wo man hin und wieder schwelgt in Erinnerungen. Und wen man schon halbe Jahrhundert hinter sich gebracht hat, da kann man eine oder andere Geschichte hervorholen und sie in einem anderem Licht betrachten. Da reichen manchmal paar Zeile in einem Roman. Glückliche Sommerzeit wünsche ich Euch:-)☀️:-)
Manja
11•05•2020
Ja, das finde ich schön gesagt: ein paar Zeilen, und schon geht die Erinnerungs-Reise los. Dir auch eine genüssliche Lese-Sommerzeit!
Christel Schubert
24•05•2020
Auf Empfehlung von Frau Claudia Strasser möchte ich über Ihre interessanten Buchbesprechungen gerne informiert werden. Vielen Dank und freundliche Grüße Christel Schubert
FTF, Sabine Fuchs
24•05•2020
Liebe Christel Schubert, für eine regelmäßige Information empfehlen wir, unseren Blog zu abonnieren. Ansonsten einfach einmal im Monat vorbeischauen. Die Buchbotschafterin schreibt bei uns einmal im Monat. Viele liebe Grüße Sabine und Uli

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