23•03•2018 ••

Mails von Aniko - Teil 1

Soho
Phone

München, 18.03.2018

Meine liebe Aniko,

gerade hole ich mir einen Kaffee und muss an dich denken. Du bist ja nun schon seit 2 Wochen in England, und ich frage mich, wie es dir dort so ergeht. Wahrscheinlich hast du noch wahnsinnig viel um die Ohren mit Kinder in die Schule bringen, sich einigermaßen zurechtfinden und vor allem mit dem Autofahren. Das wäre ja mein persönlicher Horror. Man kennt sich nicht aus und muss sich dann auch noch drauf konzentrieren, nicht als Geisterfahrer im Radio Karriere zu machen. Ich muss sagen, ich vermisse dich und unsere morgendlichen Telefonate schon sehr. Auch wenn wir vorher nicht am gleichen Ort gewohnt haben, so macht es doch einen Unterschied, ob es noch mal ein anderes Land ist. Zumindest fühlt es sich für mich viiiiiel weiter weg an. Ich bin ja schon so neugierig, was du so alles zu erzählen hast. Lass mal von dir hören...

Dicke Umarmung,

deine Uli


Sie haben Post! Juhu, und sie kommt aus England...
London, 23.03. 2018

How are you, my love? Liebe Uli,

ja, ich bin also jetzt mal weg und zwar in England. Hab Berlin eingetauscht gegen London, Deutsch ersetzt mit Englisch und esse anstatt Brötchen mit Marmelade jetzt Baked Beans auf Toast. Meine Kinder gehen auf eine englische Schule und das Fahren auf der linken Fahrerseite ist tatsächlich eines der kleineren Probleme…

Vermissen tu ich dich auch ganz schrecklich, aber im Herzen gibt es bekanntlich keine Kilometer und ich bin noch ganz glücklich, denn ich bin hier umgeben von unglaublich freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Der Deutsche an und für sich tendiert ja eher zum Stoffeltum. Ein Stoffel ist ein ungehobelter, unfreundlicher Mensch, oder wie Heinz Konsalik, einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller unserer Zeit, es ausdrücken würde, „…so etwas wie ein Affenmännchen, das saftige Feigen frisst und sein durstendes Frauchen zusehen lässt“.

Die Engländer aber sind nicht so, sie sind das krasse Gegenteil! Ich bin richtig geflasht. Du kennst mich, ich gehe gerne auf andere Leute zu, bin immer interessiert und offen für alles. Abenteuer, fremde Kulturen, verrückte Geschichten oder Nachbarschaftstratsch – ich rede gerne und immer, mit jedem und über alles, aber hier auf der Insel scheine ich meine Meister der Kommunikation gefunden zu haben.

Nach zwei Wochen im englischen Hinterland habe ich tatsächlich noch nicht einen Stoffel getroffen. Ich fühle mich ständig geschmeichelt und mit Worten liebkost: „Hello my Love, hi Sweetheart, hey Honey, how are you?“  Ich werde gefühlt immer und überall angesprochen, vollgetextet und zugelabert, ob im Coffeeshop, an der Kasse oder in der Umkleidekabine - und dass in butterweichem Ton.

Dabei scheint es total nebensächlich, was ich dazu zu sagen habe. Ich bin mir sowieso unsicher, ob irgendjemand überhaupt eine Antwort von mir erwartet und noch weniger habe ich es bisher gewagt, wildfremde Leute mit Honey, Love und Sweetheart anzusprechen. Bis jetzt reagiere ich auf sämtliche verbalen, warmen Duschen mit dem immer gleichen Schema: Ich nicke freudig erregt, lächle mein schönstes Lächeln und versuche es mit Verständnis.

Doch genau da beginnt das Dilemma. Ich begreife nämlich längst nicht alles, was mir die Angelsachen mitteilen. Immerhin ist es etwas leichter, als meinen 15-jährigen Sohn zu verstehen, der in der tiefsten Phase der Pubertät steckt. Das ist noch schwieriger als Englisch…

Besagter 15-Jähriger wünschte sich letzte Woche auf dem Heimweg von der Schule einen Coffee based Java Double Chocolate Chip Frappuccino with Caramel and without Cream. Nachdem ich diesen Zungenbrecher auf dem Weg vom Auto bis zur Eingangstür in den Coffeeshop dreimal vor mich hingemurmelt habe, ist es mir gelungen, diesen fehlerfrei und ohne Stottern an die Dame hinterm Tresen weiterzuleiten. Ich war ausgesprochen stolz auf mich und krönte mein Erfolgserlebnis mit einer eigenen Bestellung: Einen Latte mit allem, so wie auf dem Plakat an den Kacheln über dem Tresen angepriesen: 

Verrückt, denke ich noch bei mir, was die alles in ihren Kaffee machen und schmettere - angeregt durch den kalten Kaffee meines Sohnes mit doppelten Schokoladenchips, ohne Sahne aber dafür mit Karamell - laut und deutlich, in schönstem Englisch durch den Laden:

And for me one New Latte Macchiato WITH Oat AND Almond AND Coconut.

Es hat dann ein kleines Momenterl länger gedauert, bis ich Sweetheart! verstanden habe, dass ich mich zwischen Mandel, Hafer und Kokosnuss entscheiden muss, Honey! und nicht alles zusammen in einen Kaffee kommt, my Love! 

Big kiss, bis bald,

deine Aniko 


to be continued ...


 

Kommentare

Funda
23•03•2018
Egal - Kaffee macht glücklich. With or without coconut.
FTF, Uli Heppel
24•03•2018
Liebe Funda, ja, das wissen wir beide wohl ganz gut ;-) und ich freu mich sehr auf den nächsten Kaffee mit dir. ♡ Uli
Claudia Wachsmann
14•04•2018
Gerade lese ich die Post aus England nochmal und merke, dass ich Euch schon vor Wochen mitteilen wollte, wie verzweifelt ich nach einer Übersetzung von Sweatheart gesucht habe. Ganz bewusst habe ich mehrere Tage englische Konversation betrieben. Leider ohne adäquate Übersetzung dieses wunderbaren Wortes. Bei mir blieb „meine Süße“ übrig und es war so herrlich. Diese Freude in den Gesichtern, wenn man einer muffligen Verkäuferin „ ach Sie Süße“ entgegnet. Danke für diese wunderbare Inspiration!
FTF, Uli Heppel
15•04•2018
Liebe Claudia, ich befürchte ja mal sehr, dass "Sie Süße" hier bei uns in Deutschland nicht gerade auf Verzückung stößt. Ehr das Gegenteil ist wohl der Fall. Wahrscheinlich kann man froh sein, wenn man dann von der muffeligen Verkäuferin nicht auch noch eine gelangt bekommt ;-) Es gibt einfach Wörter von den englischen Kollegen, die kann man nicht übersetzten und deshalb bleiben wir doch einfach bei 'Hi Sweatheart'. ♡ Uli

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