15•02•2018 ••

Viva España

Eltern auf Reisen

5 überlebenswichtige Punkte, wenn man mit Eltern & Kind verreist …

„Meine Damen und Herren, wir haben unsere Zielposition am Flughafen Barcelona erreicht. Die Abschnallzeichen sind erloschen. Versichern Sie sich bitte, dass Sie keine Gepäckstücke zurücklassen. Wir danken Ihnen, dass Sie mit Lufthansa geflogen sind und wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt in Barcelona oder einen guten Weiterflug. Wir würden uns freuen, Sie demnächst wieder an Bord begrüßen zu dürfen.“

So, nun waren wir also hier! „Wir“, das sind mein 14-jähriger pubertierender Sohn und meine Eltern. Mein Papa ist gerade 80 geworden und meine Mum 76. Und wir waren nach Barcelona aufgebrochen, um einen gemeinsamen Urlaub zu verbringen. Das ist ja nun erst mal nichts Ungewöhnliches. Wobei Urlaub mit 3 Generationen schon eine besondere Herausforderung darstellt. Zumindest für die Generation in der Mitte, nämlich mich.

Aus Gründen, die ich gleich noch ausführlicher beschreiben werde, verlassen wir unsere Plätze als letztes. Beim Austritt aus dem Flugzeug steht mit dem Rücken zu uns eine vielversprechende Dame mit langer roter Mähne und der bestellten Gehhilfe (Rollstuhl) für meinen gehbehinderten Vater. Das „Etwas mit rotem Haar“ dreht sich theatralisch um, reißt beide Arme in die Höhe und schreit „Holaaaaaaaaa, I’m Bioletta frrrrom Balencccia“, und wirft meinem Vater direkt eine Kusshand zu. Mir rutscht bei dem Anblick von „Bioletta aus Balencia“ erst mal das Herz in die Hosentasche, denn: Bioletta ist schlecht rasiert und von den rot lackierten Fingernägeln ist der erste Lack schon ab. Aber nicht nur da! Das wirkliche Problem ist: Bioletta ist ein Mann, ein Mann in Frauenkleidung. Ich denke kurz wehmütig und mit einem inneren Aufstöhnen an den äußerst sympathischen Herrn im dunkelblauen Anzug in München zurück. Der hat Papi so nett plaudernd mit dem Rollstuhl zum Flieger gefahren. Aber gut, wir sind nicht mehr in München, wir sind in Barcelona! Aber so hart hätte es tatsächlich nicht gleich kommen müssen. Ich schaue ganz vorsichtig rüber zu meinem Vater und rechne mit einem Protestschrei oder zumindest mit einer angewiderten Grimasse. Aber was soll ich sagen... Papis Mundwinkel ziehen sich zu einem charmanten Lächeln nach oben, ganz so wie es eben immer ist, wenn eine anmutige Dame ihm gegenübertritt. Und das hat jetzt nichts damit zu tun, dass er vielleicht nur höflich sein will. Nein, er hat nicht nur nicht bemerkt, dass "Bioletta" schlecht rasiert ist, sondern er hat auch sonst nichts bemerkt. Mir fällt erst mal ein Stein vom Herzen und dann kommt aber auch schon der befürchtete Aufschrei. Allerdings nicht von meinem Vater, sondern von meinem Sohn: „Mama!!! Mama, ist das etwa ein Mann?“ „Ja, Schatzi, ist es. Aber sag das bitte nicht so laut, Opa hat es noch nicht bemerkt und das soll auch so bleiben.“ „Ja, aber mit dem laufe ich hier nicht durch die Gegend“, kontert mein Sohn. Peng!

Und hier komme ich schon zum ersten Punkt, den man bei Reisen mit Eltern beachten sollte. 


Punkt 1: Immer schon mal vorher abklären, wer einen da so zum Flieger bringt oder abholt! 


Wir treten also vom Finger raus in die unendlich langen Gänge des Flughafens und ich kann meinen Sohn auf einmal so gut verstehen. Es ist wie ein Spießrutenlauf. Bioletta gehört nicht gerade zu der leisen, zurückhaltenden Spezies. Wild gestikulierend, laut lachend und gackernd schiebt sie mit meinem Vater drauf los. In welcher Sprache die beiden kommunizieren, ist mir völlig schleierhaft. Aber sämtliche Augen des gesamten Flughafens sind plötzlich auf uns gerichtet. Während ich den Eindruck habe, dass mein Vater die Aufmerksamkeit eher genießt (er weiß ja nicht weshalb), versinkt mein Sohn sprichwörtlich fast in den Boden. Sein Abstand zu dem fahrenden Spektakel vor ihm vergrößert sich praktisch sekündlich. Aber auch meine Mutter, die bis dato alles in stoischer Ruhe hingenommen hat, wird immer langsamer. „Mami, was ist los?“ „Sie müsse jetzt mal wirklich sehr dringend auf die Toilette“, kommt es ganz zaghaft von hinten.

Ich versuche also wieder im Sturmschritt zu der Gruppe vor mir aufzuschließen, um Bioletta zu sagen, dass wir bitte einen Zwischenstopp an einer Toilette einlegen müssen. Es dauert allerdings mindestens weitere 50 bis 70 Meter, bis ich zu Bioletta durchdringe. „Haaaaachhhh“, ein Aufschrei, und Bioletta bleibt wie von der Tarantel gestochen stehen. „We are in the wrrrrong dirrrrrection. And we have no time forrrr toilet-stop now!“ Sie wirft den Kopf zurück, hält sich die Hand an die Stirn und reißt den Rollstuhl samt meinem Vater herum. Aus dem Augenwinkel sehe ich den verzweifelten Blick meiner Mutter. Wie, wir sind die ganze Zeit in die falsche Richtung gelaufen??? Ich kenne mich zwar gut aus am Flughafen Barcelona, hatte mich auch schon gewundert, aber dann gedacht, dass es vielleicht einen gesonderten Ausgang für Rollstühle gibt. Falsch gedacht! 


Punkt 2: Nicht wie die Lemminge hinter dem Anführer hertraben, sondern sofort protestieren, wenn man meint, dass er die falsche Richtung einschlägt! 


Das heißt also: den gesamten Spießrutenweg wieder zurück. Mein Sohn ist fast den Tränen nahe. Und ich kann es ihm nicht mal verdenken und ihn nur mit vielen zusätzlichen Handyspielzeiten dazu überreden, sich nicht auf den Boden zu werfen und komplett zu streiken.

Wäre ich nicht Teil dieses Schauspiels, könnte ich mir die Szenerie und Situation äußerst amüsant vorstellen.

Meine Mutter ist der Verzweiflung nahe und mir ist völlig klar, ich muss handeln. Jetzt! „Violetta! STOPP, we need a toilet! NOW!!!“ 


Punkt 3 auf der Liste: Alle gehen noch mal auf die Toilette, bevor sie das Flugzeug verlassen!


Mami kommt mit sichtlich erleichtertem Gesichtsausdruck aus der Toilette zurück und die Gruppe setzt sich wieder in Bewegung.

Bioletta versucht mir zu erklären, dass ich doch bitte den Umfragebogen über Zufriedenheit des Abholservices, den sie mir schon mal vorsichtshalber gleich als erstes in die Hand gedrückt hat, noch bis zum Ende dieser Rennstrecke ausfüllen solle. Ähhh, wie soll das gehen, wenn man im Schweinstrab durch die Gänge gescheucht wird? Und vor allem, WAS genau soll ich denn hier schreiben? Bislang ging mehr oder minder alles schief. Ich beschließe, den Bogen erst mal zu ignorieren. Was mit einem bösen Seitenblick von Bioletta belohnt wird. Egal!


Punkt 4: Sich auf keinen Fall mit unnötigen Schriftverkehr (lästigen Fragebögen) belasten.


Bioletta erklärt mir, dass sie uns nur bis zur Tür der Security bringt und wir dann von einem "weiteren Kollegen" übernommen werden. Ich stöhne innerlich auf und ahne Schreckliches.

Wir nähern uns also den Drehtüren zum Ausgang, als "sie" bemerkt, dass das wohl mit dem Rollstuhl und der Drehtür nichts wird. Kurz entschlossen stürmt sie auf die Flügeltüren an der Seite zu und versucht sie aufzureißen. Quittiert wird diese Aktion mit einem schrillen Warnsignal. Hinter uns plötzlich lautes Getümmel. Ich drehe mich vorsichtig um und stehe Auge in Auge drei Waffenläufen gegenüber. Dahinter stehen drei Hünen. Mir stockt der Atem. Bioletta drängt sich zwischen die Gewehrläufe und meine Nase und versucht auf ihre ganz spezielle Art, die Situation zu klären.

Ich bekomme nur so viel mit, dass sie diese Durchfahrt wohl hätte vorher anmelden müssen und nicht einfach die Sicherheitstüren öffnen könne. Hört sich für mich logisch an. Für Bioletta wohl nicht, denn die Diskussion mit den Sicherheitsmännern nimmt kein Ende und ich befürchte schon, dass sie die ihr erteilte Aufmerksamkeit mehr als genießt.


Punkt 5: Niemals versuchen, eine Sicherheitstür zu durchbrechen.


Endlich hat die Diskussion ein Ende, und die Schleuse wird nach außen geöffnet. Ich drücke Bioletta den unausgefüllten Fragebogen samt einem großzügigen Trinkgeld in die Hand, um weitere Diskussionen zu vermeiden. Freudestrahlend wünscht sie uns einen schönen Aufenthalt und hüpft davon. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel, als ein adretter junger Mann auf uns zusteuert und in höflichem Englisch fragt, ob er uns nach draußen zu unserem Auto bringen dürfe. Wir waren endlich angekommen! So endet hier erst mal die kleine Geschichte. Nur so nebenbei, wir hatten wundervolle und aufregende Tage in Barcelona – davon ein anderes Mal vielleicht mehr.

Vor dem Rückflug erklärte mir mein Sohn allerdings noch, dass, falls "Bioletta" wieder ums Eck käme, um uns abzuholen, er auf keinen Fall die Gruppe begleiten würde und wir uns im Flugzeug treffen würden. Wir hatten Glück, Bioletta war an diesem Tag vielleicht gerade bei der Maniküre.

Nachdem alles so "super" verlaufen ist, haben meine Eltern nun angeregt, ob wir das nicht gerne noch mal wiederholen ...


Résumé: Eine Drei-Generationen-Reise ist alles, aber nicht langweilig.


 

Kommentare

Aniko
16•02•2018
Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen... Bioletta ist der Knaller! :-)
FTF, Uli Heppel
16•02•2018
Liebe Aniko, das kann ich dir sagen ;-) das war wirklich der Knaller. Aber du hast bestimmt auf all deinen vielen Reisen auch schon so einiges erlebt. Lieben Dank ♡ Uli
Bärbel
16•02•2018
.......wie furchtbar peinlich, das auch noch zu fotografieren, meint der Enkel.......,!!!
FTF, Uli Heppel
16•02•2018
Stimmt Mami, das Foto war für ihn noch die Krönung. Bussiiiiii
Claudia
26•02•2018
Wow, ich habe den Artikel kopiert und werde ihn allen Patienten weitergeben, die meinen, sie können nichts mehr erleben, wenn sie älter sind und mit einem Handikap leben müssen. Das macht so richtig Mut, liebe Uli. Denn unser Alter bringt nicht nur Falten usw. mit sich, sondern auch Eltern, um die wir uns so liebevoll wie es uns möglich ist, kümmern sollen. Wie glücklich und stolz muss Dein Papa sein, wenn seine Tochter sich sooooo cool um ihn kümmert. Und Moritz scheint der beste zu sein. Schön, dass auch über diese Seite des Lebens so heiter berichtet wird und wie mit Humor alles zu meistern ist. Jetzt kann nichts mehr schieflaufen ...
FTF, Uli Heppel
27•02•2018
Liebe Claudia, was für ein schönes Kompliment, ganz lieben Dank. Und wenn nur einer deiner Patienten durch dieser Geschichte sich ermutigt auf eine Reise begibt, dann hat sich doch der ganze Blog hier schon rentiert. Es ist wirklich ein schönes Gefühl, wenn man den Eltern 'im Alter' auch etwas zurückgeben kann. Ganz herzlich deine ♡ Uli
Cordu
02•05•2018
Hahaha! Nachdem ich mich schon bei unserer Lesung kaputtgelacht hatte, musste ich jetzt noch einmal heftig schmunzeln! Danke, liebe Uli, für den schönen Vormittag :-) hihi ... da arbeitet es sich gleich viel leichter!

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