23•06•2022 ••

Jassas – Auswandern nach Griechenland #2

Auswandern nach Griechenland, Folge 2

Die ersten Wochen sind mittlerweile vergangen und wir im neuen Leben allmählich angekommen. Eine Zeitlang wirken noch die vielen Umzugs-Anstrengungen nach, sodass meine Seelenwelt anfangs noch arge Falten hat, inzwischen haben sie sich aber weitgehend geglättet. Auswandern ... – nun stellen sich auch die ersten Freuden ein. Sie sind scheinbar klein, machen aber einen großen Unterschied für mich.


Hier gibt es noch einen echten Frühling!


Der Himmel in lichtem Blau, die Temperaturen angenehm lau; und auch wenn zwischendurch mal ein kalter Wind die Sinne kitzelt, hat die Sonne doch genügend Kraft, um äußerlich wie innerlich zu wärmen. Diese Jahreszeit liebe ich am meisten und vermisse sie zuhause sehr, wenn sich die Winterperiode gefühlt über Nacht verabschiedet und sich gleich der Sommer einstellt. Hier geht einfach alles einen gemächlicheren Gang … Dennoch nimmt das natürliche Leben erkennbar an Fahrt auf: Die Vögel zwitschern aufgeregt, schließlich ist jetzt Paarungszeit und der Nestbau steht an; wir sehen mehrere Spatzen mit Nistmaterial in unsere Regenrinnen flitzen.


Gelber Ginster blüht, soweit das Auge reicht, und auch der Mohn tupft Monet-gleich rote Farbfleckchen in die Landschaft – für mich als Fotografin eine fast schon magische Zauberwelt.


Natürlich machen uns auch einige andere schöne Erlebnisse die Eingewöhnung leicht: An griechisch Ostern erleben wir um Mitternacht in der kleinen Kapelle unseres Ortes eine stimmungsvolle Messe; am Ende trägt jeder das heilige Licht mittels Kerzen zu sich nach Hause.

Am nächsten Tag sind wir zum Festessen bei Freunden eingeladen. Zum Lammbraten werden auch die Ostereier gereicht, allerdings traditionell nur rot gefärbt und nicht bunt wie bei uns. Verwandte und Freunde kommen und gehen, die Kinder spielen traut in einer Puppenstube.


Zuerst biegt sich der Tisch unter den Speisen, dann ertrinkt der Nachmittag gemächlich im selbst gekelterten Rosé: Momente zeitloser Glückseligkeit.


Am nächsten Sonntag ein anderes Programm. Ich möchte eigentlich unser neues Zuhause weiter einrichten, aber unser Vermieter Giannis ist mit Familie da und lockt uns mit einer kleinen List („I’ll show you my secret garden“) zu einer Grillfeier, versteckt in einem privaten Olivenhain.

Wir, die Neuen, werden herzlich aufgenommen und stolz bewirtet. Mehrere Sprachen mischen sich spielerisch, weil hier Familienmitglieder zusammenkommen, die es in ihrem Alltagsleben in andere Ecken Europas verschlagen hat: Deutschland, England, Niederlande. Zwischendurch nieselt es, doch die Stimmung ist heiter. Aus einer Mini-Musikanlage tröpfelt leise ein kurioser Mix aus Rembetiko & Rock; eine Ziege dreht sich zwischen einem Windschutz aus Wellblech, und statt Tellern gibt es Backpapier. Am Ende des genussreichen Tages wasche ich mit der fröhlichen Roula die leeren Schüsseln und Gläser ab.


Sie spricht weder Deutsch noch Englisch, ich zu wenig Griechisch, aber die Verständigung klappt, uns genügen herzliches Lächeln statt großer Worte.


Der dritte Sonntag in Folge: Wieder gibt es eine kirchliche Feier. Diesmal 5 km von unserem Bergdorf entfernt, die Prozession dorthin findet großenteils beritten zu Pferde statt. In einem verfallenen, aber idyllisch gelegenen Kloster wird eine gesangreiche Messe zelebriert, und am Ende umrunden die vier Popen plus Glaubensgemeinde die mittelalterliche Klosteranlage. 

Es gibt Segen für Mensch und Tier, und natürlich: Wieder ist ein Grillstand aufgebaut; dazu bringt ein Pickup auf seiner Ladefläche große Behälter mit riesigen Stücken gegrillte Ziege und Lamm, die ein Metzger auf einem hölzernen Hackstock in mundgerechte Happen teilt. Weil ich diesmal vorher weiß, dass es zu einer Feier geht, will auch ich mich daran beteiligen und backe ein großes Blech Apfelkuchen – der aufgrund des fremd funktionierenden Ofens ziemlich misslingt. Egal. Die Gabe wird trotzdem mit Freude gewürdigt.


Wieder erleben Thomas und ich, was Gemeinschaft in Griechenland bedeutet: Es geht um die `Parea´, das gesellige Miteinander im Familien- & Freundeskreis; darum, das Leben gemeinsam zu genießen.


Mit etwas deutscher Verwunderung stelle ich fest, alles kann, alles darf hier wertfrei nebeneinander existieren. Individualismus und Gemeinschaft sind keine Gegensätze, wie so oft bei uns, sondern befruchten sich gegenseitig.

Und war ich mir zuhause nicht sicher, ob wir uns nicht einsam fühlen würden – so abgelegen wie wir wohnen –, begreife ich nun: Wir sind hier gar nicht allein, wir gehören hier dazu. Das Leben ist schön! Fortsetzung folgt.

 

 


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Kommentare

Sabine Fischer
24•06•2022
Hallo Tina, ich kann alles gut nachvollziehen, zumal mir die Orte dank Euch berkannt sind. Somit eine schöne Erinnerung an einen zauberhaften Ort. Das Mohnblumen Foto ist super schön!

Wir freuen uns auf deinen Kommentar

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